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Eine Werkstatt für kleine Matheforscher?

Mathematik bedeutet für mich (wie übrigens auch für die meisten professionellen Mathematiker) das Erkennen, Nutzen und Gestalten von Mustern und Strukturen. Und mathematisches Tun hat einen besonderen spielerisch-kreativen sowie ästhetischen Charakter. Mathematik ist kein abgeschlossenes System von Definitionen, Formeln und Beweisen sondern eine sich dynamisch entwickelnde Wissenschaft, in der Problemlöseprozesse, mathematisches Tätigsein und entdeckendes Lernen eine wesentliche Rolle einnehmen. Mathematik ist also ein Spiel mit Formen, Zahlen, Figuren und Symbolen.

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Dieser ganzheitliche mathematische Blick betont ein komplexes Verständnis von Mathematik. Mathematik ist also mehr als die Beschäftigung mit Zahlen, das Zählen und das Rechnen von Aufgaben. Mathematik umfasst einerseits Inhaltsbereiche, wie Raum und Form; Zahl und Struktur; Maße, Zeit und Geld sowie Daten, Zufall und Wahrscheinlichkeiten und schließt andererseits wesentliche Prozessziele mit ein, nämlich: kreativ sein und Probleme lösen; Kommunizieren und Argumentieren; Begründen und Prüfen sowie Ordnen und Muster nutzen. Hinzu kommen mathematische Denk- und Handlungsweisen, wie z.B. das Klassifizieren und Vergleichen. Das mathematische Lernen sowohl im Kindergarten als auch in der Grundschule sollte genau diesem komplexen und ganzheitlichen Verständnis von Mathematik Rechnung tragen.

Was ist deshalb besser geeignet als eine Mathewerkstatt einzurichten, in der kleine Matheforscher dies alles erleben und erfahren dürfen und noch dazu mathematische Phänomene entdecken und erforschen sowie frei experimentieren können?

Eine Mathewerkstatt in der Kita?

Mathematik im Kindergarten bedeutet nicht, Kindern schon vor der Schule die Zahlen oder das Rechnen „beizubringen“. Es meint auch nicht, die sogenannten mathematischen Vorläuferfähigkeiten zu trainieren, um den Kindern ein erfolgreiches Lernen von Mathematik in der Grundschule zu ermöglichen. In der frühen mathematischen Bildung geht es vor allem um den Erwerb mathematischer Basiskompetenzen, im Sinne erster mathematischer Erfahrungen, als Fundament für jegliches Mathematiklernen. Frühe mathematische Bildung umfasst zum Beispiel Möglichkeiten zum/zur:

  • Eins-zu-eins-Zuordnung (z.B. jeder Schachtel ein Symbol zuordnen)
  • Zählen und Abzählen
  • Erkennen der Mengeninvarianz (dies meint die Unveränderbarkeit von Mengen, also egal wie 5 Dreiecke gelegt werden, es bleiben immer 5 Dreiecke)
  • Reihenfolgen bilden (gesammelte Stöcker nach verschiedenen Kriterien ordnen)
  • Simultanerfassung (ohne zählen auf einen Blick erfassen, wie viele es sind)
  • Nutzung des visuellen Gedächtnisses (sich Bilder einprägen)
  • räumlichen Orientierung (rechts, links, neben, oben, dahinter, …)
  • visuellen Differenzierung (Unterschiede in Bildern feststellen)
  • Figur-Grund-Diskriminierung (in Wimmelbildern Dinge entdecken)
  • Auge-Hand-Koordination (mit der Schere an einer Linie entlang schneiden)
  • Vergleichen, Sortieren (Klassifizieren) und Ordnen (Aufräumen von Spielsachen)
  • Anzahlen mit allen Sinnen erfassen (z.B. hören, ertasten)
  • Entdecken von Zahlen in der Umwelt (Verkehrsschilder, Hausnummern, …)
  • indirekten Rechnen (Rechengeschichten erzählen)
  • Erkennen von Mustern
  • Erfassen und Wahrnehmen von Größen (Länge, Gewicht, Zeit, Volumen, Geld, Flächeninhalt)
  • Anwenden von Zahlenwissen (verschiedene Bedeutung von Zahlen)
  • Erkennen von Teil-Ganzes-Beziehungen (vgl. Fuchs 2015, S. 29).

Und alles das kann sowohl im Spiel als auch bei der offenen Arbeit, innerhalb von Projekten oder bei offenen Lernangeboten (z.B. offene Spiel- und Lernfelder) in einer Mathewerkstatt umgesetzt werden. Aber hierzu später mehr.

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Eine Mathewerkstatt in der Grundschule?

In der Grundschule geht es in erster Linie um den Erwerb der sogenannten Kulturtechniken und hierzu zählt natürlich das Rechnen. Hinzu kommen noch andere wesentliche Inhalts- und Prozessbereiche, wie ich sie schon weiter oben angesprochen habe. Die Lehrpläne und Schulbücher sind voll mit Aufgaben dazu. Aber:

„Es ist widersinnig, Schüler die Grundfähigkeiten üben zu lassen,

die für Mathematik nötig sind, sie dann aber nicht

auf die mathematische Spielwiese zu lassen,

damit sie ihren Spaß haben können.“

(Matt Parker, 2015)

Dieses Zitat bedeutet für mich, dass Kinder, um die Welt der Mathematik wirklich „begreifen“ zu können, eine „Spielwiese“ benötigen. Und diese „Spielwiese“ kann eine Mathewerkstatt sein. Hier können kleine Matheforscher der Klassen 1 bis 4 (bzw.6) die erlernten Rechenverfahren, Schätzstrategien, Messtechniken, Zeichen- und Konstruktionskompetenzen usw. aus dem „normalen“ Unterricht anwenden und auf Alltagsprobleme übertragen. Die Werkstatt bietet ihnen zum einen eine vorbereitete Umgebung für ein freies Tun (schau doch nochmal in den Beitrag Werkstätten und Ateliers) und zum anderen von Zeit zu Zeit offene Themenfelder, aber auch hierzu später mehr.

Für beide Bereiche (Kita und Grundschule) gilt

Der Auswahl geeigneter Materialien (hierzu zählen auch Spiele und Spielmaterialien) mit einem gewissen mathematischen Potenzial und einem hohen Aufforderungscharakter zum Forschen, Entdecken und Experimentieren kommt eine besondere Bedeutung zu. Schaue hierzu doch einfach mal hier:

Zweckmäßige Materialien mit mathematischem Potenzial für eine Mathewerkstatt sind also z.B.:

  • Bausteine in verschiedenen Formen und Farben;
  • magnetische Bau- und Legematerialien;
  • gleiches Material in großer Menge, z.B. je 1000 Eisbecher, Eislöffel, kleine Holzwürfel, 1-Cent-Münzen, … (vgl. K. Lee, 2010);
  • Muggelsteine, bunte Murmeln und Perlen, PlayMais;
  • Geobretter, Tangram, Pentominos;
  • gemeinsam gesammelte Knöpfe, Wäscheklammern, Toilettenpapierrollen, Joghurtbecher, Schraubverschlüsse von Tetrapacks, Büroklammern, Kronkorken, …;
  • Legeplättchen in verschiedenen Formen und Farben (Dreiecke, Vierecke, Kreise);
  • Scheuerschwämme, Zahnstocher (oder besser noch Wattestäbchen);
  • Erbsen, Bohnen, Nudeln;
  • Verpackungsmaterialien, wie Teepackungen, Eierkartons, …;
  • Naturmaterialien (Nüsse, Kastanien, Steine, Muscheln, Zapfen, …);
  • Spielwürfel in verschiedenen Ausführungen.

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Materialien bzw. Hilfsmittel, die das mathematische Forschen und Entdecken in der Mathewerkstatt sinnvoll unterstützen, sind:

  • vielfältige Messinstrumente (Waagen, Messbecher, Maßbänder, …),
  • Zeichengeräte (Lineale, Schablonen, Zirkel, …),
  • Spiegel für Spiegelexperimente,
  • Stifte (Bleistifte, Buntstifte, …),
  • Material zur Erforschung von Zahlenräumen und zum Schätzen,
  • Taschenrechner,
  • mathematische Spiele,
  • Baumaterialien (Pappen, Schachteln, Röhren, …),
  • Nachschlagewerke und Bücher mit vielen Zahlen und Daten (Rekordebücher und Zeitschriften) sowie aus der Welt der Mathematik (Mathelexikon für Kinder).

Für Kinderbücher mit wertvollen mathematischen Inhalten habe ich dir auch bereits eine Aufstellung vorbereitet. Schau einfach hier: Kinderbücher

Du erinnerst dich an den Beitrag zu den Werkstätten und Ateliers allgemein. Hier gab es wichtige Fragen, die es vor dem Einrichten einer Werkstatt zu beantworten gilt, so auch für die Mathewerkstatt:

  • Welches Ordnungssystem ist für die Matheforscher leicht verständlich?
  • Wie kann eine geordnete, entspannte und freie Atmosphäre geschaffen werden, damit sich alle Matheforscher entfalten können?
  • Sind die Materialien so ausgewählt und präsentiert, dass sich jeder kleine Matheforscher gut zurecht findet?
  • Wie viele Kinder können gleichzeitig in der Mathewerkstatt verschiedene Dinge tun?
  • Bietet die Mathewerkstatt eine Vielfältigkeit an Material an?
  • Gibt es wenige klare Absprachen, die für alle gelten? Welche sind das?
  • Hat die Lernbegleiterin ihren Platz in der Mathewerkstatt?

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Hier nun ein paar konkrete Tipps für die Praxis:

Beim Einrichten einer Mathewerkstatt könnt ihr euch am besten an den vier grundlegenden mathematischen Inhaltsbereichen orientieren:

Das heißt, wenn der Raum genügend Platz bietet, wären vier relativ getrennte Bereiche günstig. Diese Bereiche können durch offene Regalsysteme getrennt werden. Dies bietet die Möglichkeit, sich von mehreren Seiten mit Materialien zu bedienen und zeigt die Komplexität und inhaltliche Verbundenheit der mathematischen Teilthemen auf. Die einzelnen Themenbereich werde ich euch noch getrennt vorstellen.

Berücksichtigt werden sollte auch genügend Platz zum Aufbewahren von begonnenen Werken der Matheforscher, z.B. auf breiten Fensterbrettern oder in engeren Nischen mit tiefen Regalböden. So können ihre Werke mit Namenskarten versehen und beim nächsten Mal weiter bearbeitet werden. Tipp: gemeinsam mit den Kindern ein Ritual für das Aufbewahren begonnener Werke erarbeiten.

Nun noch ein letzter Hinweis für heute: Nutzt auch die Wände, Flure und Treppenbereiche für die Dokumentation und Ausstellung der Lernwege und Eigenproduktionen der kleinen Matheforscher.

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So an dieser Stelle mache ist erst einmal Schluss für heute. Demnächst geht es dann weiter mit dem Vorstellen der einzelnen Themenbereiche einer Mathewerkstatt und mit Möglichkeiten ihrer vielfältigen und flexiblen Nutzung sowohl in Kitas als auch in Grundschulen. Ihr dürft gespannt bleiben und mir gern eure Fragen über Kommentare oder das Kontaktformular zusenden.

Mandy Fuchs

PS: Alle hier genannten Materialien oder Bücher stelle ich aus eigener Überzeugung vor. Ich bekomme dafür keine Provision von einem Hersteller oder Verlag.

Werkstätten und Ateliers – kindorientierte Lernorte

Heute möchte ich euch zwei ganz besondere Lernorte vorstellen. Lernorte, die durch eine vorbereitete Umgebung gekennzeichnet sind, die vielfältige und wohl strukturierte Arbeitsmaterialien für das praktische und eigenaktive Lernen bereit halten, so dass Kinder diese frei wählen können. Lernorte also, die den Kindern Lernen durch eigene Erfahrungen ermöglichen. Gemeint sind Werkstätten (z.B. Lern-, Bau-, Natur-, Schreib-, Mathematik-, Theaterwerkstatt u.a.) sowie Ateliers. Sowohl in der Elementar- als auch Primarpädagogik haben sie längst Einzug gehalten.

„Im allgemeinen Sprachgebrauch wird der Begriff Werkstatt für Handwerksbetriebe benutzt, in denen mit vorhandenen Werkzeugen Reparaturen durchgeführt werden oder handwerkliche oder kunsthandwerkliche Güter produziert werden. Im Kunsthandwerk wird von einer Manufaktur gesprochen, im künstlerischen Bereich wird der Begriff des Ateliers angewandt. In Kulturbetrieben entstanden schon früh Kultur- und Theaterwerkstätten.“ (vgl. Tielemann 2015, S. 8)

Neben den bereits oben genannten Merkmalen von Räumen dieser Art, sind Werkstätten und Ateliers durch folgende Eigenschaften gekennzeichnet:

  • mehrere Personen machen zur gleichen Zeit unterschiedliche Dinge (z.B. stellen Sachen her, bearbeiten einen Werkstoff, reparieren Dinge, …),
  • Werkzeuge sind von guter Qualität und haben feste Aufbewahrungsorte,
  • der Umgang mit den Materialien oder Werkzeugen muss oft erst erlernt werden,
  • der eigenen Kreativität kann Ausdruck verliehen werden.

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Diese Charakteristik auf pädagogische Werkstätten und Ateliers übertragen heißt, auf der Grundlage eines modernen Kindbildes, welches Kinder als aktive Konstrukteure ihrer Welt wahrnimmt, Werkstätten so zu gestalten, dass pädagogische Fachkräfte (also ErzieherInnen und LehrerInnen) Kinder dorthin einladen, ihnen hier mit Respekt, Wertschätzung und Neugier begegnen und die momentane Situation des Kindes mit seinen Bedürfnissen wahrnehmen und darauf reagieren. Das heißt, damit Kinder in Werkstätten und Ateliers frei entdecken, forschen, gestalten und experimentieren können, müssen Lernbegleiter die Kinder in ihrem Tun beobachten, deren Gefühle wahrnehmen, ihren Spuren folgen und ein wirkliches Interesse für ihr Eigenleben zeigen (vgl. ebenda, S. 25).

„Pädagogen betreten pädagogisches Neuland, wenn sie in einer Werkstatt arbeiten. Sie organisieren nicht mehr den Tagesablauf mit Angeboten und Stuhlkreisen, in denen sie den Kindern etwas beibringen. Die Pädagogen werden zu Mentoren, Entwicklungsbegleitern, Lernpartnern und Dienern der Kinder. Sie erleben und unterstützen die Kinder in ihrer Eigenaktivität und Kreativität.“ (ebenda)

Werkstätten und Ateliers können in jeder Kita und in jeder Grundschule entstehen, denn sie müssen keine besonderen Anforderungen an den Raum an sich erfüllen, sondern werden über die Raumgestaltung und das vorhandene Material definiert.

Ich gehe (wie viele andere Didaktiker oder Erziehungswissenschaftler) davon aus, dass es die eine Definition von (Lern)Werkstatt nicht geben kann, aber grundsätzlich gilt, dass (Lern)Werkstätten Orte sind, an denen das Lernen gelernt und die Welt erobert werden kann. Kleine Forscher können hier ihre eigenen Forscherfragen entwickeln und an deren Beantwortung selbstbestimmt und ungestört arbeiten, mit „Kopf, Herz und Hand“ lernen und stets eigene Lernwege gehen.

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Vor dem Einrichten einer Werkstatt sollten folgende Fragen gestellt und gemeinsam im Lehrer- bzw. Erzieherteam beantwortet werden (Tielemann 2015, S. 12):

  • Wie können wir ein Ordnungssystem erarbeiten, das für die Kinder leicht verständlich ist?
  • Wie schaffen wir eine geordnete, entspannte und freie Atmosphäre, damit sich alle Kinder entfalten können?
  • Sind die Materialien so ausgewählt und präsentiert, dass jeder kleine Weltentdecker sein individuelles Erfolgserlebnis haben kann?
  • Wie viele Kinder können gleichzeitig in einem Werkstattraum zur selben Zeit verschiedene Dinge tun?
  • Bietet die Werkstatt eine Vielfältigkeit an Material an?
  • Gibt es wenige klare Absprachen, die einheitlich für alle Werkstätten der Kita oder Grundschule gelten?
  • Hat die Lernbegleiterin ihren Platz in der Werkstatt?

Das Einrichten einer oder mehrerer Werkstätten oder Ateliers kann nur dann funktionieren, wenn diese in das Gesamtkonzept der Einrichtung eingebunden werden und dieses somit ergänzen und mit Leben erfüllen. Vom Konzept der Einrichtung ist also abhängig, welche Art von Werkstätten gestaltet und wie sie in den Tagesablauf integriert werden. Somit ist also möglich, dass sich eine Kita oder Grundschule z.B. für die Gestaltung einer allgemeinen Lernwerkstatt entscheidet. In dieser werden verschiedene Bereiche (Forscherecke, Ton- und Knettisch, Kreativbereich, Tüftlerecke, Matheecke, Schreibecke, …) eingerichtet. Notwendig ist dann vielleicht auch, sich über bestimmte Zeiten – wann, welche und wie viele Kinder in der Lernwerkstatt arbeiten können – auszutauschen und diese festzulegen.

In anderen Kindertageseinrichtungen oder auch Grundschulen werden hingegen mehrere oder sogar alle Räume als Werkstätten eingerichtet, so dass die Kinder diese im Rahmen der Offenen Arbeit jeden Tag selbstbestimmt aufsuchen können. Dann gibt es z.B. ein Atelier (für künstlerisch gestaltende Tätigkeiten) mit eingegliederter Schreib-Werkstatt, die Holzwerkstatt, die Bauwerkstatt, die Rollenspielwerkstatt mit Möglichkeiten zum Musizieren, die Naturwerkstatt sowie eine Zahlen- und Buchstabenwerkstatt.

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Da innerhalb dieses Blogbeitrages nicht alle Möglichkeiten von Werkstätten vorgestellt werden können, soll es an dieser Stelle exemplarisch einige Ausführungen zum Atelier geben, bevor im nächsten Beitrag das Einrichten einer Mathewerkstatt vorgestellt wird.

Entsprechend den drei klassischen Gattungen der Bildenden Kunst: Malerei, Zeichnung und Bildhauerei sollte es auch im Atelier drei Bereiche geben: den „Nassbereich“ (Malen mit Wasserfarben), den Bereich zum „Trockenmalen“ (Zeichnen mit verschiedenen Stiften) und einen Bereich zum Arbeiten mit Ton. Der Nassbereich sollte über eine nahe Wasserstelle verfügen, mit Staffeleien (auch Wandstaffelei) und einem Tisch ausgestattet sein. Als günstig hat sich erwiesen, dass Kinder, die am Tisch malen, ein Malbrett verwenden, mit welchem sie ihr fertiges Blatt dann gleich in den „Malbbretter-Turm“ zum Trocknen schieben können. Wenn Platz für einen zweiten Tisch zur Verfügung ist, kann dieser als Kleistertisch genutzt werden und phasenweise darauf mit Fingermalfarben, Kleister oder Rasierschaum experimentiert werden. (Ein besonderer Tipp für diesen Bereich ist der Malort nach Arno Stern, vgl. https://www.arnostern.com/de/malort.htm ).

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Der Bereich zum Arbeiten mit Ton ist in der Regel ein Tisch, an dem die Kinder im Stehen arbeiten. Er hat eine widerstandfähige Oberfläche, von dem der Ton leicht entfernt werden kann. Für je zwei Kinder sollten in der Regel etwa 10kg Ton zur Verfügung stehen, der nach dem Arbeiten (bei fachgerechter Aufbewahrung) über viele Tage hinweg verwendet werden kann.

Der Bereich zum Zeichnen, also das Malen mit trockenen Farben, sollte so ausgestattet sein, dass die Kinder hier neben vielen verschiedenen Stiften (Buntstifte, Wachsmalstifte, Kreide, Kohlestifte, Grafitistifte, …) auch viele verschiedene Papiersorten (Packpapier, Butterbrotpapier, Haushaltsrolle, Notizblockzettel, Pappe, Servietten, Tapetenreste, …) zur Verfügung haben. Der Zeichenbereich kann gut mit dem Bastelbereich kombiniert werden, jedoch sind hier zwei verschiedene Tische angebracht, damit die Kinder, die schneiden und kleben nicht die Kinder, die zeichnen unbewusst stören. Zum Basteln können die Kinder viele verschiedene Dinge gebrauchen, die zum Teil auch von ihnen selbst gesammelt werden (z.B. Stoff- und Wollreste, Korken, Verpackungen, Schleifenbänder, Muscheln, Steinchen, …). Hier wird schnell ersichtlich, wie wichtig es ist, sich mit einem guten Ordnungs- und Aufbewahrungssystem zu beschäftigen, welches die Materialien für die Kinder einladend bereit hält.

Einige Autoren (z.B. von der Beek) empfehlen das Atelier auch mit Tischen für das Arbeiten und Experimentieren mit Sand und/oder Bohnen (Korken, Kastanien, …) und mit einem Leuchttisch (bekannt aus der Reggio-Pädagogik) oder besser noch einem Overhead-Projektor (mit ihm können wunderschöne Bilder an der Wand projiziert werden) und ggf. auch mit einer Schreibecke (Schreibwerkstatt) auszustatten.

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Zusammenfassend kann ich also nochmal betonen, dass ein Atelier in entscheidendem Maße den Weg, also den künstlerisch-kreativen Prozess als solches betont und nicht die Mal- oder Bastelergebnisse der Kinder im Vordergrund stehen. Auf eine solche Weise ergibt sich ein Blick auf die künstlerischen Aspekte der ästhetischen Bildung von Kindern wie von selbst.

„Ein Raum, der als Atelier eingerichtet ist, erfüllt einen doppelten Zweck: Er ermöglicht es den Kindern, in vielfältiger Weise selbst tätig zu werden, und erleichtert es der Erzieherin, die Kinder selbstständig arbeiten zu lassen. Wahlmöglichkeiten dürfen nicht die Ausnahme, sondern müssen selbstverständlich sein. Das heißt, die Kinder können täglich

  • Material auswählen, mit dem sie sich beschäftigen;
  • die Art und Weise des Experimentierens wählen, in der sie vorgehen;
  • entscheiden, ob sie allein, zu zweit oder zu mehreren arbeiten;
  • innerhalb bestimmter Grenzen über die Zeitdauer bestimmen.“ (von der Beek 2010, S. 196)

Von der Beek betont an einer Stelle jedoch auch: „Allerdings wäre es zu wenig, die Kinder lediglich machen zu lassen. Nur im Wechselspiel zwischen der Experimentierlust der Kinder und den Kenntnissen der Erzieherin erweitert sich das kindliche Handlungsspektrum“ (vgl. ebenda S. 198).

Dies möchte ich an dieser Stelle aus meiner Sicht als Didaktikerin ebenfalls betonen. Professionalität von Lernbegleiter ist dadurch gekennzeichnet, dass sie durch ihr Expertenwissen in bestimmten Bereichen (Kunst, Musik, Naturwissenschaften, Mathematik, …) einerseits und durch ihre generelle pädagogische Haltung andererseits, eine angemessene Mischung praktizieren, die sowohl aus Beobachtungen sowie dem Gewähren des freien Tuns der Kinder als auch aus entsprechenden Impulsen bzw. offenen Lernanregungen für die Kinder besteht und somit von einer hohen didaktischen Handlungskompetenz zeugen.

Ich freue mich schon sehr auf den nächsten Beitrag, wenn du wieder dabei bist und dich von mir zum Einrichten einer Mathewerkstatt inspirieren lässt.

Bis dann also eine kreative Zeit,

Mandy Fuchs

PS: Hier die beiden Literaturquellen des Beitrages:

  • Tielemann, Marion (2015): Werkstatt(t)räume für Kitas. Verlag das netz
  • Von der Beek, Angelika (2010): Bildungsräume für Kinder von Drei bis Sechs. Verlag das netz

(Ich verwende die Bücher aus eigener Überzeugung und bekomme keine Provision vom Verlag.)

Wunschräume von Kindern

Wollt ihr vielleicht gerade eure Kita neu gestalten? Habt ihr vor, ein neues Raumkonzept für euren Klassenraum zu erarbeiten? Oder aber sitzt ihr vielleicht gerade mit eurem Architekten zusammen, um einen Kitaneu- bzw. Umbau zu planen? Da habe ich einen genialen Tipp für euch: Fragt doch einfach eure Kinder! Die wissen ganz genau, was sie brauchen und was ihnen gut tut!

In einem Buch von Erziehungswissenschaftlern (Haug-Schnabel & Bensel 2012, S. 109) fand ich die Antworten einer Befragung von Kindern zwischen vier und sechs Jahren. Die Erwachsenen wollten von ihnen wissen, wie die Räume ihrer Wunschkita aussehen und ausgestattet sein sollten und welcher Raum ihnen noch fehlt. Hier könnt ihr die Antworten der Kinder lesen:

  • ein Sprechraum, also ein Raum, in dem man nur miteinander spricht und nur deswegen dort hingeht;
  • ein Raum ohne Uhr;
  • ein Raum mit nichts, um gut rennen zu können;
  • ein Raum, in den man nicht reinschauen kann;
  • ein Raum, in dem man auch mal Krach haben und sauer sein darf;
  • ein Langeweileraum, in dem niemand fragt: Weißt du nicht, was du spielen willst, hast du keine Idee? Willst du vielleicht …;
  • ein Raum nur mit Spiegeln, Verkleidungssachen und Schminksachen, in dem es keinen stört, wenn man mit Klackerschuhen herumläuft;
  • ein Raum nur mit Ton, Farben, Papier, Perlen, Kleister, Knete;
  • ein Raum, in dem man immer klettern kann, sogar richtig schwierige Klettereien;
  • ein Dunkelraum, in dem man nur nach etwas tasten oder etwas fühlen, aber nichts sehen kann;
  • ein Raum mit richtigen Apparaten, echten Geräten und viel Papier, damit wir die Erfindungen aufschreiben können;
  • ein Kaputtraum, nur mit kaputten Dingen, weil wir sonst nichts auseinander- oder umbauen dürfen. Mit kaputten Sachen könnte man etwas ausprobieren, weil sie dann nicht nochmal kaputt gehen können;
  • ein Raum, in dem man richtig bauen kann, so dass alles hält, eine echte Baustelle, am besten im Garten, mit Arbeiterwerkzeug, Steinen und Bausand, Zement und Holz, viel Holz;
  • ich fände Zimmer wie Häuser einer ganzen Stadt gut. Statt in die Katzengruppe könnte man ins Kaufhaus, ins Tierheim oder ins Krankenhaus gehen.

Na, seid ihr gerade auch so erstaunt, wie ich, als ich die Antworten das erste Mal las? Zeigen sie uns doch einiges ganz deutlich: 1. dass sich etwas ändern muss, etwas, was wir schon länger erahnt haben und in einigen Kitas und Grundschulen bereits umgesetzt wird und 2. dass wir den Kindern vertrauen und sie mit einbeziehen können, denn sie wissen schon ganz genau, was sie zum Weltentdecken brauchen.

Wenn wir nämlich zurück blicken, prägte die Raumgestaltung (sowohl in Kitas als auch in Grundschulen) über viele Jahre hinweg ein, wir würden heute sagen traditionelles Konzept: das Konzept der Gruppen bzw. Klassenräume. Ein traditioneller Gruppenraum z.B. in einer Kita war bzw. ist noch heute mehr oder weniger einheitlich eingerichtet: eine Bauecke, eine Puppenecke, eine Bücherecke und eine Tischgruppe mit Stühlen für alle Kinder. Hinzu kommen ein einheitliches Inventar, Spielmaterialien, die nur in einem Raum bleiben durften und eine Dekoration nach dem persönlichen Geschmack der Gruppenerzieherin. Desweiteren gab es einen von jeder Erzieherin selbst geregelten Tagesablauf mit einem Wechsel von Freispiel (drinnen und draußen) und verpflichtenden Beschäftigungen, der sich an ein von der Kitaleitung vorgegebenen Tagesablauf mit festen Essen- und Schlafzeiten orientieren musste. Auch in den Grundschulen war bzw. ist es ähnlich.

Neben den Einflüssen reformpädagogischer Ansätze, wie z.B. der Pädagogik von Montessori, Freinet oder Malaguzzi (also der Reggio-Pädagogik) hat vor allem die Idee der Offenen Arbeit Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts dazu beigetragen, dass ein Paradigmenwechsel bezüglich der räumlichen Strukturierung stattfand. Die Idee der Offenen Arbeit besteht nämlich darin, nicht mehr in Gruppen- bzw. Klassenräumen mit „Funktionsecken“, sondern in „Funktionsräumen“ (Werkstätten, Ateliers, Labore, …) zu arbeiten. Für eine solche Umwandlung z.B. in der Kita gibt es mehrere Begründungen, z.B.:

  • Kinder können selbst entscheiden, welche Räume und Materialien sie nutzen, sie sind also wirklich selbsttätig,
  • Kinder laufen nicht ziellos im Raum hin und her, weil sie nicht wissen was sie tun sollen, sondern beschäftigen sich intensiv in interessanten Räumen,
  • Kinder können sich besser konzentrieren, da es spezialisierte Arbeitsbereiche gibt,
  • Kinder müssen sich nicht mehr gegenseitig stören, da es im Gruppenraum oft zu Interessenkonflikten aufgrund der Enge kam,
  • Räume sind frei von Tischen und Stühlen zum Essen,
  • die Einrichtung von Kinderrestaurants führt dazu, dass vor dem Essen nicht aufgeräumt werden muss, dass nach dem Essen eine entspannte Atmosphäre herrscht und dass es mehr Platz zum Spielen gibt,
  • Kinder finden in Funktionsräumen viel von dem, was in einen bzw. in miteinander verwandte Bildungsbereiche gehört.

Die einzelnen Bildungsbereiche im Elementarbereich bzw. Unterrichtsfächer im Primarbereich bieten eine gute Orientierung für die Raumgestaltung:

  • Mathematisches, naturwissenschaftliches, technisches Grundverständnis: Forscherzimmer, Labor, Experimentierraum, Mathewerkstatt, …
  • Kommunikation, Sprache(n), Schriftsprache(n): Bibliothek, Literacy-Raum, Wortwerkstatt, Druckerei, …
  • Ästhetische Bildung (sinnliche Wahrnehmung, musische Aktivitäten, kreatives Gestalten): Bauraum, Kinderküche, Spielezimmer, Theaterwerkstatt, Musikzimmer, Kinderoper, Spiegelsaal, Atelier, (Holz-, Ton-, Filz-, Textil-, Papier-)Werkstatt, …
  • Bewegung, körperliche Aktivität: Sportpalast, Turnhalle, Bewegungsbaustelle, Matschraum, …
  • Ruhe, Entspannung, Mittagsschlaf: Snoezelraum, Schlafraum, Kuschelraum, Traumzimmer, …
  • Essen, Nahrung zubereiten: Restaurant, Cafeteria, Küche, …

Ja und genau das wissen auch unsere Kinder. Ihre Antworten weiter oben zeigen es uns! Also lasst sie uns mit einbeziehen, in die gemeinsame Planung und Gestaltung von Räumen, Konzepten und neuen Strukturen!

In den beiden nächsten Beiträgen geht es dann um MEINE Wunschräume in Kitas und Grundschulen, nämlich um Werkstätten und Ateliers und ganz speziell um das Einrichten einer Mathewerkstatt. Ihr dürft gespannt sein!

Eure Mandy Fuchs

Raum und Sinneserfahrungen

Wir Menschen sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen immerzu. Wir nehmen unsere Umwelt durch differenzierte Wahrnehmungen und durch die Auswertung von Sinnesreizen in uns auf. Nicht alles ist uns hierbei bewusst, denn viele Wahrnehmungsprozesse laufen im Unterbewusstsein ab. Auch Räume werden mit allen Sinnen wahrgenommen. Die Entwicklung von Kindern, also auch von kleinen Matheforschern, wird maßgeblich von ihrer Wahrnehmungstätigkeit geprägt. Und genau darum soll es im heutigen Blogbeitrag gehen.

Aus der Bedeutung, die die Wahrnehmung über die Sinnesorgane für generelle Erfahrungsmöglichkeiten spielt, ziehen Erziehungswissenschaftler den Schluss, dass (früh)kindliche Bildung zuallererst ästhetische Bildung ist. Ästhetik beruft sich hierbei auf den griechischen Begriff Aisthesis und bedeutet ursprünglich die Lehre von der sinnlichen Wahrnehmung. Die Bildung der Wahrnehmungserfahrung, sprich die ästhetische Bildung, ist für das spätere Leben prägend. Deshalb gibt es gute Gründe, den Kindern eine Umwelt zu bieten, die ihre Lust am Wahrnehmen unterstützt. So können Kinder zum Beispiel in Ateliers oder Werkstätten innere und äußere Bilder sammeln und gestalten und auf dieser Grundlage sowohl ihr ästhetisches als auch ihr mathematisches Denken entfalten. Ästhetisch gestaltete Räume können deshalb die kindliche Wahrnehmung anregen und Kinder auf vielfältige Weise herausfordern.

In einer Gesellschaft von heute, wo alles immer bunter, immer vielfältiger und immer kurzweiliger erscheint, ist die Gefahr der Reizüberflutung enorm groß. Deshalb ist es von großer Bedeutung, dass Kinder durch Räume, in denen sie sich einen Großteil ihrer Zeit aufhalten – also in Kitas, Grundschulen und zu Hause – nicht zusätzlich von Reizen überflutet werden, jedoch dennoch angemessene Anregungen ihrer Sinne erfahren, die sowohl ins Bewusstsein als auch ins Unterbewusstsein eindringen können. Eine ausgewogene Balance von den kindlichen Geist anregenden Sinnesreizen einerseits und beruhigenden sowie entspannenden Gestaltungs-elementen andererseits ist deshalb eine Aufgabe und gewiss auch Herausforderung für Pädagogen und Eltern.

„Eine sinnenreiche Umgebung regt die Wahrnehmungstätigkeit der Kinder auf positive Weise an. Akustische Reizüberflutung und optische Überreizung durch ein zuviel an Geräuschen, Farbe, Form und Material können zu Überforderung, Orientierungsverlust, Konzentrationsmangel, Hyperaktivität oder Rückzug führen. Die Kunst der Raumgestaltung besteht vor allem darin, Reizüberflutung zu vermeiden und im hohen Maße auf die sinnesfördernden Impulse ausgewählter Materialien zu setzen.“ (Franz 2012, S. 96)

Da dem Lernen mit allen Sinnen also eine enorme Bedeutung zukommt, sollen die sieben Sinne nun vorgestellt werden. Dies geschieht zwar einzeln und nacheinander, aus der Forschung weiß man jedoch, dass die Sinnessysteme zusammenarbeiten und Menschen Informationen stets über mehrere Sinneskanäle wahrnehmen (Synästhesie).

Taktile Wahrnehmung: Tast- und Spürsinn

Die Haut als größtes Spürorgan des Menschen ist gerade für sehr junge Kinder das wichtigste Kommunikations-system. Kinder spüren, wie sie angefasst, gestreichelt und gehalten werden. Sie selbst erfahren durch das eigene Betasten ihren Körper. Die spätere verbale Sprache baut auf dieser ersten Sprache, der taktilen Kommunikation auf. Durch das Tasten und Spüren mit den Händen, den Füßen oder mit dem Mund „begreifen“ kleine Matheforscher räumliche Dimensionen und können sich selbst und ihre Umwelt immer besser in Beziehung zueinander setzen. In Bezug auf die Entwicklung des mathematischen Denkens können beispielhaft folgende kindliche Wahrnehmungs- und Raumerfahrungen genannt werden:

  • vielfältige Materialeigenschaften wahrnehmen, wie z.B. weich, hart, rau, glatt, warm, kalt, kuschelig, kratzig, wellig, kantig, …
  • Wasser in verschiedenen Gefäßen umfüllen und in allen Variationen erleben,
  • Barfuß auf vielfältigen Untergründen laufen,
  • Formen und Figuren nur mit den Händen ertasten,
  • auf den Rücken gemalte Formen und Figuren bzw. geschriebene Zahlen erfühlen,
  • Längen abschreiten und mit Körpermaßen messen,
  • Gewichte mit den Händen abwiegen,
  • mit den Händen matschen, Ton formen, kleistern, malen, gestalten,
  • Erde, Sand, Steinchen und andere Naturmaterialien durch die Hände rieseln lassen.

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Kinästhetische Wahrnehmung: Bewegungs-, Kraft- und Stellungssinn

Das Wort Kinästhetik besteht aus einer Kombination der griechischen Wörter kinesis (Bewegung) und aesthesie (Wahrnehmung). Kinästhesie bedeutet die Wahrnehmung der Raum-, Zeit-, Kraft- und Spannungsverhältnisse der eigenen Bewegungen. Das kinästhetische Sinnessystem gehört neben dem Tast- und Gleichgewichtssinn zu den ersten drei funktionierenden Systemen des ungeborenen Kindes. Propriozeptoren, die für die kinästhetische Wahrnehmung zuständig sind, befinden sich im tiefer gelegenen Gewebe des gesamten Körpers, wie z.B. in Muskeln, Sehnen und Bändern. Mit ihrer Hilfe werden Reize und Informationen aus dem Körperinneren empfangen. Für die Raumgestaltung bedeutet dies, dass Kinder beim Lernen (auch von Mathematik) in Bewegung sein dürfen, denn Bewegung ist der Motor der kindlichen Entwicklung.

Vestibuläre Wahrnehmung: Gleichgewichtssinn

Für die Aufrechthaltung des Körpers und die Orientierung im Raum ist der Gleichgewichtssinn verantwortlich. Das Gleichgewichtsorgan befindet sich im Innenohr.Durch diesen Sinn ist der Mensch in der Lage, Drehbewegungen und Beschleunigungen wahrzunehmen und sich darauf einzustellen. Der Gleichgewichtssinn ist das alles vereinende Bezugssystem, welches die Grundbeziehungen formt, die ein Mensch zur Schwerkraft und seiner physischen Umwelt hat. Für kleine Matheforscher sind demzufolge folgende Raumerfahrungen wichtig:

  • Hüpfspiele auf zwei Beinen und auf einem Bein,
  • schaukeln, wippen, balancieren, …
  • sich drehen bis zum Schwindligwerden,
  • einen Hang hinunter rollen,
  • auf dem Karussell immer schneller fahren.

„Ein gut ausgebildeter Gleichgewichtssinn bestimmt die Lebensqualität wesentlich, aber auch die Ausbildung des inneren Gleichgewichts ist für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung bestimmend.“ (Wilken 2003, S. 121)

Gustatorische Wahrnehmung: Geschmackssinn

Der Mund ist bei sehr jungen Kindern nicht nur Geschmacksorgan. Kleinste Matheforscher entdecken und entscheiden Sachen auch dadurch, dass sie Dinge aus ihrer Umgebung in den Mund stecken. Durch dieses starke Bedürfnis erkunden sie ihre Welt und es gelingt ihnen somit sich ein Bild von ihr zu machen. Kinder entwickeln ihren persönlichen Geschmack dadurch, dass sie ausprobieren, was sie gut oder schlecht empfinden. Der Geschmackssinn ist stark mit Gefühlen und einem komplexen Sinneseindruck vor allem bei der Nahrungsaufnahme verbunden. Deshalb ist es von Bedeutung, dass gemeinsame Rituale bei den Mahlzeiten so gestaltet werden, dass die Kinder vielfältige Erfahrungen in Bezug auf das Essen, bestimmte Gerichte oder Nahrungsmittel sammeln können.

Bezogen auf die gustatorische Wahrnehmung ist es deshalb wichtig, dass besonders ganz kleine Matheforscher alles (Ungefährliche) in den Mund nehmen und erkunden dürfen. Größere Matheforscher wollen beim Zubereiten von Mahlzeiten mithelfen und nach Rezeptvorgaben kochen, backen und verkosten. Unter diesem Gesichtspunkt bekommen meine Forscherkarteien zur „Gummibärenmathematik“, zur „Smartiesmathematik“ oder auch zur „Schokoladenmathematik“ noch einmal eine ganz neue Bedeutung! Oder? Nämlich: Lernen mit allen Sinnen, heißt auch Lernen und Naschen! Und die Erfahrung: „Mathematik ist voll lecker!“

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Olfaktorische Wahrnehmung: Geruchssinn

Das für das Riechen zuständige Sinnesorgan ist die Nase. Hier werden alle Gerüche empfangen und an das Gehirn weiter geleitet. Auch Gerüche können Gefühle und Emotionslagen von Menschen beeinflussen sowie längst vergessene Erinnerungen wachrufen, denn „Die Nase ist das Gedächtnis der Vergangenheit, oft der Kindheitserinnerungen“ (Wilken 2003, S. 101). Geruchsvorlieben oder Geruchsabneigungen von Erwachsenen gehen zurück auf die olfaktorischen Sinneswahrnehmungen der frühen Kindheit. Der Geruchssinn ist bei der Geburt bereits sehr gut ausgebildet und ein Neugeborenes erkennt seine Mutter am Geruch. Der Geruchssinn eines Menschen hat Einfluss auf sein Sozial- und Bindungsverhalten. Insbesondere Kinder reagieren bei unangenehmen Gerüchen ablehnend oder bei für sie angenehmen Gerüchen sehr zugewandt anderen Menschen und natürlich auch Räumen gegenüber.

Beim Lernen mit allen Sinnen darf also geschnuppert und geschnüffelt werden, z.B. das gutriechende Holz in der Werkstatt oder den ekligen Farbgeruch bei frischen Malerarbeiten. Gummibärchen und Schokolade hingegen duften verführerisch.

Auditive Wahrnehmung: Hörsinn

Als auditive Wahrnehmung bezeichnet man die Sinneswahrnehmung von Schall. Zur Wahrnehmung des Schalls dienen Sinnesorgane, die durch Schwingungen aus der Umgebung des Menschen stimuliert werden. Das entscheidende Organ hierfür ist das Ohr. Die auditive Wahrnehmung kann nonverbal (z.B. Töne und Geräusche) oder verbal (Sprache) erfolgen. Hierbei spielt die Lautstärke (laut oder leise), die Frequenz (hoch oder tief) und auch die Dauer (lang oder kurz) von Tönen eine besondere Bedeutung.

Das Hören und der Bereich der Emotionen stehen ebenfalls in einem engen Zusammenhang, denn das Ohr und das Gefühlszentrum im Gehirn sind über Nervenfasern direkt miteinander verbunden. Durch das Hören erschließen wir Menschen also wiederum unsere Gefühlswelt. Wer gut hört, kann zudem andere verstehen, sich mit ihnen austauschen und sich im Alltag sicher bewegen.

Folgende auditive Wahrnehmungserfahrungen können das mathematische Denken besonders gut fördern:

  • Anzahlen mit einem Gegenstand auf Holz, Teppich, Fliesen oder andere Materialien klopfen,
  • beim Treppehochstampfen oder Runterspringen die Stufen zählen,
  • hinhören, aufhorchen, zuhören, lauschen,
  • still sein, flüstern, brabbeln, plappern, sprechen,
  • lange bzw. kurze (laute bzw. leise) Töne und Klänge auf einem Instrument erzeugen,
  • Tanzen, sich im Rhythmus wiegen, klatschen,
  • Sing-, Kreis-, Finger- und Tanzspiele mitmachen.

Visuelle Wahrnehmung: Sehsinn

Als visuelle Wahrnehmung wird die Aufnahme und Verarbeitung visueller Reize verstanden. Das Organ zur Aufnahme optischer Eindrücke ist das Auge. Im Gehirn werden aufgenommene Informationen weiter verarbeitet und mit Erinnerungen abgeglichen. Hierbei spielen Farben, Formen und Lichtverhältnisse eine besondere Rolle.

Besonders folgende visuell-räumlichen Wahrnehmungs-fähigkeiten werden von vielen Mathematikdidaktikern als notwendig für den Erwerb mathematischer Kompetenzen betrachtet:

  • Visuelle Differenzierung: Ähnlichkeiten und Unterschiede von Gegenständen, Formen und Figuren erkennen;
  • Figur-Grund-Wahrnehmung: aus einem komplexen Hintergrund bzw. einer Gesamtfigur eingebettete Teilfiguren erkennen und isolieren;
  • Auge-Hand-Koordination (visomotorische Koordination): das Sehen mit dem eigenen Körper oder Teilen des Körpers koordinieren;
  • Räumliche Orientierung: sich real und mental im Raum zurechtfinden, Erkennen und Beschreiben räumlicher Beziehungen, Wiedererkennen von Figuren in verschiedenen räumlichen Lagen;
  • Räumliches Operieren: Ausführen mentaler Bewegungen und Handlungen;
  • Visuelles Gedächtnis: aus dem Gedächtnis etwas nachbauen, nachlegen oder nachzeichnen.

Abschließen möchte ich meinen Beitrag mit einem Zitat:

„Kindliche Wahrnehmung zu fördern bedeutet, Kindern sinnenreiche Räume – drinnen wie draußen – zur Verfügung zu stellen und diese Umgebung so vorzubereiten, dass sie alle Sinne gleichermaßen stimuliert und zu ganzheitlicher Sinnestätigkeit anregt.“ (Franz 2012, S. 103)

Und ganz am Ende bekommst du auch heute wieder einige Anregungen für die eigene Selbstreflektion:

  • Lass dich mit verbundenen Augen und mit Ohrstöpseln barfuß durch die Kita, durch deine Schule oder durch deine Wohnung führen. Was und wie hast du dich dabei gefühlt? Gab es Räume oder Bereiche, in denen du dich gut orientieren konntest?
  • Lass dich mit verbundenen Augen bei vollem Betrieb durch alle Räume deiner Kita oder deiner Schule führen. Welche Unterschiede hast du bezüglich der Akustik bemerkt? Gibt es leise, gedämpfte, angenehme, laute, schrille, nachhallende Bereiche?
  • Lass dich mit verbundenen Augen durch alle Räume deiner Kita oder Schule führen. Welche Räume hast du am Geruch erkannt? Welche Gerüche fandest du anregend, welche abstoßend?

Sorry, dass es heute mal wieder etwas länger geworden ist. Aber ich hoffe es waren ein paar spannende Informationen bzw. Anregungen für dich dabei. Lass gerne wieder von dir hören und hinterlasse einen Kommentar.

Bis zum nächsten Mal, wenn es um den Zusammenhang zwischen Raum und Spiel geht, eure Mandy Fuchs

Literatur

Franz, Margit (2012): Raumgestaltung für die Jüngsten. In: Raum braucht das Kind: Anregende Lebenswelten für Krippe und Kindergarten. Verlag das netz, Weimar, Berlin, 2012.

Wilken, Hedwig (2003): Kursbuch Sinnesförderung. So lernen Kinder, sinnreich zu leben. Verlag Don Bosco, München, 2003

Der Raum als 3. Erzieher

Heute geht es um die Metapher „der Raum als 3. Erzieher“, bekannt aus der Reggio-Pädagogik. Sie wird gerade in der elementarpädagogischen Literatur viel zitiert und ist verschieden interpretierbar. „Ist der Raum nach den beiden hauptamtlichen Erzieherinnen in der Gruppe einer reggianischen Einrichtung der dritte Erzieher? Ist er es, weil er Eltern und Kita-Personal den Vortritt lässt oder weil er dem Kind als Selbst-Erzieher und seinen ko-konstruktiven Begleitern folgt?.“ (Knauf, Düx, Schlüter 2007, S. 140-141)

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Ich finde ein Raum (egal ob ein Gruppen- bzw. Funktionsraum in der Kita oder ob ein Klassenraum in der Schule) sollte – genauso wie erwachsene Lernbegleiter – für Kinder mehrere Aufgaben erfüllen. Einerseits sollte er den Kindern eine Atmosphäre zum Wohlfühlen und zur Geborgenheit geben und die Kommunikation innerhalb der Einrichtung stimulieren. Andererseits sollten Räume zu immer neuen Herausforderungen anregen, d.h. Ressourcen für Spiel- und Lernaktivitäten bieten und Impulse für verschiedenste Tätigkeiten der Kinder geben. Der Raum umfasst zudem mehr als nur die einzelnen Räume mit ihrer Ausstattung innerhalb der Einrichtung. Zum Raum gehört daneben auch das für Kinder so wichtige Lebensumfeld. Hierzu zählen sowohl die Natur und städtebauliche Arrangements als auch sozialräumliche Einrichtungen, wie z.B. (öffentliche) Einrichtungen (Bibliotheken, Museen, Handwerksbetriebe), benachbarte Bildungsinstitutionen (andere Kitas und Schulen) oder auch Familienzentren. Ein Raum wirkt stets pädagogisch und ist immer auch Teil des pädagogischen Konzeptes einer Einrichtung.

Nachfolgend nenne ich euch typische Merkmale von Räumen und Raumgestaltung innerhalb der Reggio-Pädagogik und ihr könnt schauen, ob ihr davon welche in eurer Einrichtung raufgreifen und umsetzen wollt und könnt:

  • Öffnung des Einrichtungsalltags nach außen zum Leben in der Stadt und zur Erwachsenenwelt durch tief heruntergezogenen Fensterflächen oder verglaste Türen, als Möglichkeiten für Aus- und Einblicke,
  • Gestaltung des Eingangsbereiches als Visitenkarte der Einrichtung, lädt zum Besuch ein und vermittelt Informationen über das Leben in der Einrichtung,
  • Entwicklung eines interaktiven und dialogischen Verhältnisses zwischen Kindern, Erwachsenen und räumlichen Ambiente, durch die Gestaltung von Treffpunkten,
  • Orientierung an den Bedürfnissen der in ihnen lebenden Kinder (z.B. Möglichkeiten zum Rückzug, für ausreichend Bewegung, zur Mitgestaltung, …).

Um die bei der Umsetzung einer neuen Lernkultur so wichtige Kindorientierung konsequent zu berück-sichtigen, werden bei Reggio verschiedene Mittel genutzt. Auch hier kannst du mal schauen, was sich in deiner Kita oder in deiner Schule umsetzen lässt:

  • Räumliche Vielgestaltigkeit: hiermit sind z.B. unterschiedlich proportionierte und unterschiedlich helle Räume, die zu verschiedenen Tätigkeiten und Aktivitäten einladen gemeint, Räume gewinnen durch die Werke der Kinder ihren spezifisch ästhetischen Charakter und werden dadurch zu Dokumenten und Spiegeln der Entwicklung der Kinder und schaffen Sprechanlässe,
  • Klare, aber nicht starre funktionale Akzentuierung der Räume: Herzstück einer reggianischen Einrichtung ist z.B. die „Piazza“, ein zentraler Platz, der zum Verweilen und zur Kommunikation aber auch zur Präsentation einlädt, er ist Treffpunkt der Generationen aber auch Spielplatz und Ausstellungsort, daneben befindet sich oft das Kinderrestaurant,
  • Ateliers: hier unterstützt eine Werkstattleiterin oder ein Werkstattleiter die Kinder beim Forschen und Entdecken sowie beim Erweitern der individuellen sinnlichen Ausdrucksmöglichkeiten („die 100 Sprachen der Kinder“).

Manche Pädagogen bzw. Erziehungswissenschaftler (z.B. von der Beek) erklären den Raum sogar zum ersten Erzieher, denn sie sehen – bezogen auf die Selbstbildungsprozesse der Kinder (also in Bezug auf ihr aktiv-entdeckendes Lernpotenzial) – unmittelbare Zusammenhänge zwischen

  • dem Bild vom aktiven und neugierigen Kind und Räumen, in denen es aktiv sein kann, sowie Materialien, in denen es Stoff zur Befriedigung seiner Neugier findet;
  • dem pädagogischen Ziel, der Individualität jedes Kindes Rechnung zu tragen, und Räumen, in denen jedes Kind täglich eine Vielzahl von Wahlmöglichkeiten hat;
  • Räumen und der veränderten Rolle von Lehrern und Erziehern, in der sie Lernprozesse nicht stets durch instruierende Angebote steuern müssen, sondern auf natürliche Weise begleiten können, weil die Räume und Materialien die Kinder zu intensiven Betätigungen und zum Lernen einladen;
  • der Bedeutung der Kindergruppe und einer Raumgestaltung, die Kindern ermöglicht, sich andere Kinder, den Ort, das Material und die Zeit zum Spielen und Lernen aussuchen zu können, ohne stets auf Erwachsene angewiesen zu sein;
  • dem Spiel als der zentralen Weise, in der kleine Kinder lernen, und Räumen, die ihnen entsprechende spielerische Entfaltungsmöglichkeiten geben;
  • der Förderung naturwissenschaftlicher Kompetenzen der Kinder und einem naturnah gestalteten Außengelände nebst der regelmäßigen Nutzung von Naturräumen;
  • dem leichten Zugang zum individuellen Erlernen der Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen sowie geeigneten Materialien, mit denen ein Kind sich selbsttätig, also zu dem Zeitpunkt und in der Weise, die zu ihm passen, auseinandersetzen kann;
  • der Erleichterung von Übergängen (z.B. von der Familie in die Kita und von der Kita in die Grundschule) wo attraktive Betätigungsmöglichkeiten den Kindern in einer Situation emotionaler Verunsicherung eine sichere materielle Basis geben, auf der sich Bindungsbeziehungen zu den Lernbegleitern entwickeln können (vgl. van der Beek 2012, S. 11).

Meines Erachtens ist es egal ob der Raum nun als erster oder dritter Erzieher gesehen oder benannt wird, eins wird doch offensichtlich: Die Bedeutung des Raumes wird aufgewertet und verstärkt. Räume haben eine besondere Wirkung auf Menschen, gehen in Beziehung mit ihnen und beeinflussen ihr Verhalten. Versteh mich aber bitte nicht falsch. Räume sind nicht wichtiger als die Menschen, die in ihnen agieren, also als die erwachsenen Lernbegleiter und auch nicht wichtiger als andere Kinder. Aber Räume sind eben auch da, wenn Lehrer oder Erzieher oder andere Lernbegleiter mal nicht da sind. Jedoch kann das enorme Potenzial eines Raumes sich nur dann voll entfalten und von den Kindern ausgeschöpft werden, wenn die Lernbegleiter es wollen, zulassen und unterstützen.

In diesem Sinne hier noch ein paar Praxistipps für dich zum direkten Umsetzen und Reflektieren:

  • Erspüre die Wirkung von Räumen. Welche Bedeutung haben Räume für dich?
  • Schau dir deinen Gruppen- oder Klassenraum (oder Räume deiner Einrichtung) an. Welche Haltung und welches Bildungsverständnis spiegeln sich wider?
  • Schau dich genau um und spüre ungenutzte räumliche Ressourcen auf.
  • Wurden die Räume deiner Einrichtung hinsichtlich der Lernthemen der Kinder und gemeinsam mit ihnen gestaltet?
  • Wie erreichst du eine angemessene Balance zwischen Anregungsreichtum und Reizüberflutung (Weniger ist mehr!)?

Ja dann bin ich wieder gespannt, was du aus meinen Impulsen machst. Ich wünsche dir eine gute Zeit und freu mich, wenn du beim nächsten Beitrag wieder dabei bist. Dann geht es um den Zusammenhang von Raum und Sinneserfahrungen. Ihr dürft gespannt sein.

Eure Mandy Fuchs

Raum: Lebensraum, Freiraum, Lernraum, Wohlfühlraum

Räume sind Aushängeschilder einer gelebten Kultur, einer Lebens- bzw. Bildungsphilosophie und spiegeln Auffassungen, Haltungen und Einstellungen der Menschen wider, die darin leben und mit Kindern ihre Zeit verbringen. Dies gilt sowohl für Kitas und Grundschulen (also pädagogische Einrichtungen) als auch für private Wohnumgebungen. Wenn Kinder spielen, lernen und sich bilden ist dies immer an spezifische Situationen und an konkrete Orte gekoppelt. Diese lassen sich auch als anregende Lernumgebungen oder materiell räumliche Lernwelten bezeichnen. In den kommenden Blogbeiträgen soll es deshalb darum gehen, wie diese Lernwelten gestaltet werden können. Zunächst wird es um die Raumgestaltung im pädagogischen Kontext gehen, was jedoch nicht ausschließt, die eine oder andere Ideen auch auf das häusliche Umfeld zu übertragen.

Was erwartet dich also demnächst hier im Blog? Es wird mehrere Beiträge mit folgenden Inhalten geben:

  • Der Raum als dritter Erzieher
  • Raum und Sinneserfahrungen
  • Der Zusammenhang von Raum und Spiel
  • Entwicklungsförderung und Raumgestaltung
  • Eine Mathewerkstatt einrichten
  • Raumkonzepte entwickeln
  • Ein Kinderzimmer für kleine Weltentdecker

Ich werde die Beiträge oft so gestalten, dass sie immer für beide Einrichtungen interessant sind: für Kitas und für Grundschulen. Die konkreten Praxisbeispiele kommen – meiner Leidenschaft geschuldet – meist aus der Welt der Mathematik, können aber leicht auf andere Fächer bzw. Bildungsbereiche übertragen werden. Ja und wer weiß, vielleicht bekommt ihr als Leser ja Lust die weiteren Beiträge mitzugestalten. Schickt mir also gern eure Ideen und auch Fotos von euren Lern- und Wohlfühlorten.

Parallel zu den einzelnen Blogbeiträgen werde ich meine bereits begonnene Materialsammlung weiterentwickeln. Schau also immer mal wieder im linken Menü unter folgenden Punkten:

Also los geht’s! Die Frage der Raumgestaltung ist aus meiner Sicht immer eine didaktische Frage und steht in einem engen Zusammenhang mit dem Bildungsverständnis derjenigen, die sie arrangieren. Das momentan aktuell diskutierte Bildungsverständnis im Elementar- und Primarbereich lässt sich durch folgende Aussagen zusammenfassend so beschreiben:

  • Bildung beginnt mit der Geburt.
  • Bildung ist ein lebenslanger eigenaktiver Prozess.
  • Bildung unterliegt inneren und äußeren Einflüssen.
  • Bildungsprozesse sind stets individuell, ganzheitlich und komplex.
  • Bildung soll sich in einer Erziehungspartnerschaft mit den Eltern und Familien der Kinder vollziehen.
  • Der natürliche und sozio-kulturelle Nahraum der Einrichtung ist als Bildungsort zu verstehen, der wertvolle Lernerfahrungen für die Kinder bietet.

Dies bedeutet, dass Kindertagesstätten und Grundschulen sowie ihre jeweiligen Umgebungen zu Lern- und Bildungsorten für Kinder werden. Durch die bewusste Gestaltung und Nutzung dieser räumlichen Umwelten können erwachsene Lernbegleiter gezielt Einfluss nehmen auf individuelle und ganz verschiedene frühkindliche Entwicklungs-, Bildungs- und Lernprozesse. Denn jedes Kind lernt anders!

Raumgestaltung steht in einem unerlässlichen Zusammenhang mit pädagogischen Zielen und Prinzipien und somit immer mit der jeweiligen Konzeption der Einrichtung. Es kann demzufolge keine allgemeingültige und idealtypische Raumgestaltung geben, sondern diese unterliegt einem stetigen Wandel und bedarf der permanenten kritischen Reflexion. Dennoch lassen sich gewisse Grundprinzipien einer am Kind orientierten Raumgestaltung zusammenfassen:

  • Strukturen und Ordnung einer vorbereiteten Umgebung,
  • Nutzung des Aufforderungscharakters von Materialien,
  • Bedeutung ästhetischer Gestaltung und Präsentation und
  • Recht des Kindes auf eigenaktive Raumaneignung und –(um)gestaltung.

„Verstehen wir Bildung als Selbstbildung, so brauchen Kinder soziale Spiel- und Lerngemeinschaften sowie Erwachsene, die Selbstbildung ermöglichen, indem sie Räume dazu entsprechend vorbereiten. „Bildungsarbeit“ in Kindertageseinrichtungen bedeutet deshalb zuallererst, Kindern anregungsreiche Bildungsumwelten zur Verfügung zu stellen, in denen sie möglichst ungestört, selbstständig und mit langen Zeitfenstern an ihren Themen arbeiten und ihre Interessen verfolgen können. Diese Spiel- und Freiräume selbstentdeckenden Lernens bilden die Grundlage elementarpädagogischer Bildungsarbeit.“ (Franz, Vollmert 2012, S. 8)

Und ich behaupte, dass genau diese Sichtweise auch auf die Grundschule zu übertragen ist. Auch im Rahmen von Unterricht, der sich „entlang hangelt“ an vorgegebenen Bildungsstandards und curricularen Lerninhalten, können Lernumgebungen so gestaltet werden, dass Kinder Weltentdecker (oder eben auch kleine Matheforscher) sein dürfen. Es kommt auf die Umsetzung, also das WIE? an. Denn Voraussetzung, dass Kinder erfolgreich lernen können, ist eine Atmosphäre, in der sie sich wohl fühlen, wo jeder willkommen ist und so akzeptiert wird, wie er ist und wo Lernen „unter die Haut“ geht.

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Und noch einen Tipp habe ich für euch zum Schluss: Wenn ihr Kolleginnen und Kollegen begegnet, die ständig sagen: „Ja in der Theorie hört sich das alles ganz toll an! Aber unter unseren Bedingungen geht das überhaupt nicht umzusetzen: viel zu kleine Räume, viel zu wenig Räume, so ein altes Gebäude, kein Platz, kein Geld, zu viele Kinder und und und“, dann ladet sie ein gemeinsam mit euch und mit den Kindern trotzdem nach möglichen Lösungen zu suchen. Entwickelt gemeinsam kreative Ideen, besucht andere Einrichtungen, vernetzt euch mit Gleichgesinnten und mit Experten bzw. Interessierten aus dem Sozialraum, denn zusammen macht es vielmehr Spaß kreativ quer zu denken. Innovative Bildung braucht kreative Köpfe!

„Raum

Die bemerkenswertesten Räume sind die,

die uns vergessen lassen, dass es Mauern gibt,

deren Türen und Fenster jedem offen stehen

und deren Decken den Himmel freigeben.“

(Nadine Petri)

Ich freue mich wie immer auf eure Kommentare, Fragen, Ideen und vielleicht auch Fotos. Bis zum nächsten Blogbeitrag!

Eure Mandy Fuchs