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Der Raum als 3. Erzieher

Heute geht es um die Metapher „der Raum als 3. Erzieher“, bekannt aus der Reggio-Pädagogik. Sie wird gerade in der elementarpädagogischen Literatur viel zitiert und ist verschieden interpretierbar. „Ist der Raum nach den beiden hauptamtlichen Erzieherinnen in der Gruppe einer reggianischen Einrichtung der dritte Erzieher? Ist er es, weil er Eltern und Kita-Personal den Vortritt lässt oder weil er dem Kind als Selbst-Erzieher und seinen ko-konstruktiven Begleitern folgt?.“ (Knauf, Düx, Schlüter 2007, S. 140-141)

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Ich finde ein Raum (egal ob ein Gruppen- bzw. Funktionsraum in der Kita oder ob ein Klassenraum in der Schule) sollte – genauso wie erwachsene Lernbegleiter – für Kinder mehrere Aufgaben erfüllen. Einerseits sollte er den Kindern eine Atmosphäre zum Wohlfühlen und zur Geborgenheit geben und die Kommunikation innerhalb der Einrichtung stimulieren. Andererseits sollten Räume zu immer neuen Herausforderungen anregen, d.h. Ressourcen für Spiel- und Lernaktivitäten bieten und Impulse für verschiedenste Tätigkeiten der Kinder geben. Der Raum umfasst zudem mehr als nur die einzelnen Räume mit ihrer Ausstattung innerhalb der Einrichtung. Zum Raum gehört daneben auch das für Kinder so wichtige Lebensumfeld. Hierzu zählen sowohl die Natur und städtebauliche Arrangements als auch sozialräumliche Einrichtungen, wie z.B. (öffentliche) Einrichtungen (Bibliotheken, Museen, Handwerksbetriebe), benachbarte Bildungsinstitutionen (andere Kitas und Schulen) oder auch Familienzentren. Ein Raum wirkt stets pädagogisch und ist immer auch Teil des pädagogischen Konzeptes einer Einrichtung.

Nachfolgend nenne ich euch typische Merkmale von Räumen und Raumgestaltung innerhalb der Reggio-Pädagogik und ihr könnt schauen, ob ihr davon welche in eurer Einrichtung raufgreifen und umsetzen wollt und könnt:

  • Öffnung des Einrichtungsalltags nach außen zum Leben in der Stadt und zur Erwachsenenwelt durch tief heruntergezogenen Fensterflächen oder verglaste Türen, als Möglichkeiten für Aus- und Einblicke,
  • Gestaltung des Eingangsbereiches als Visitenkarte der Einrichtung, lädt zum Besuch ein und vermittelt Informationen über das Leben in der Einrichtung,
  • Entwicklung eines interaktiven und dialogischen Verhältnisses zwischen Kindern, Erwachsenen und räumlichen Ambiente, durch die Gestaltung von Treffpunkten,
  • Orientierung an den Bedürfnissen der in ihnen lebenden Kinder (z.B. Möglichkeiten zum Rückzug, für ausreichend Bewegung, zur Mitgestaltung, …).

Um die bei der Umsetzung einer neuen Lernkultur so wichtige Kindorientierung konsequent zu berück-sichtigen, werden bei Reggio verschiedene Mittel genutzt. Auch hier kannst du mal schauen, was sich in deiner Kita oder in deiner Schule umsetzen lässt:

  • Räumliche Vielgestaltigkeit: hiermit sind z.B. unterschiedlich proportionierte und unterschiedlich helle Räume, die zu verschiedenen Tätigkeiten und Aktivitäten einladen gemeint, Räume gewinnen durch die Werke der Kinder ihren spezifisch ästhetischen Charakter und werden dadurch zu Dokumenten und Spiegeln der Entwicklung der Kinder und schaffen Sprechanlässe,
  • Klare, aber nicht starre funktionale Akzentuierung der Räume: Herzstück einer reggianischen Einrichtung ist z.B. die „Piazza“, ein zentraler Platz, der zum Verweilen und zur Kommunikation aber auch zur Präsentation einlädt, er ist Treffpunkt der Generationen aber auch Spielplatz und Ausstellungsort, daneben befindet sich oft das Kinderrestaurant,
  • Ateliers: hier unterstützt eine Werkstattleiterin oder ein Werkstattleiter die Kinder beim Forschen und Entdecken sowie beim Erweitern der individuellen sinnlichen Ausdrucksmöglichkeiten („die 100 Sprachen der Kinder“).

Manche Pädagogen bzw. Erziehungswissenschaftler (z.B. von der Beek) erklären den Raum sogar zum ersten Erzieher, denn sie sehen – bezogen auf die Selbstbildungsprozesse der Kinder (also in Bezug auf ihr aktiv-entdeckendes Lernpotenzial) – unmittelbare Zusammenhänge zwischen

  • dem Bild vom aktiven und neugierigen Kind und Räumen, in denen es aktiv sein kann, sowie Materialien, in denen es Stoff zur Befriedigung seiner Neugier findet;
  • dem pädagogischen Ziel, der Individualität jedes Kindes Rechnung zu tragen, und Räumen, in denen jedes Kind täglich eine Vielzahl von Wahlmöglichkeiten hat;
  • Räumen und der veränderten Rolle von Lehrern und Erziehern, in der sie Lernprozesse nicht stets durch instruierende Angebote steuern müssen, sondern auf natürliche Weise begleiten können, weil die Räume und Materialien die Kinder zu intensiven Betätigungen und zum Lernen einladen;
  • der Bedeutung der Kindergruppe und einer Raumgestaltung, die Kindern ermöglicht, sich andere Kinder, den Ort, das Material und die Zeit zum Spielen und Lernen aussuchen zu können, ohne stets auf Erwachsene angewiesen zu sein;
  • dem Spiel als der zentralen Weise, in der kleine Kinder lernen, und Räumen, die ihnen entsprechende spielerische Entfaltungsmöglichkeiten geben;
  • der Förderung naturwissenschaftlicher Kompetenzen der Kinder und einem naturnah gestalteten Außengelände nebst der regelmäßigen Nutzung von Naturräumen;
  • dem leichten Zugang zum individuellen Erlernen der Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen sowie geeigneten Materialien, mit denen ein Kind sich selbsttätig, also zu dem Zeitpunkt und in der Weise, die zu ihm passen, auseinandersetzen kann;
  • der Erleichterung von Übergängen (z.B. von der Familie in die Kita und von der Kita in die Grundschule) wo attraktive Betätigungsmöglichkeiten den Kindern in einer Situation emotionaler Verunsicherung eine sichere materielle Basis geben, auf der sich Bindungsbeziehungen zu den Lernbegleitern entwickeln können (vgl. van der Beek 2012, S. 11).

Meines Erachtens ist es egal ob der Raum nun als erster oder dritter Erzieher gesehen oder benannt wird, eins wird doch offensichtlich: Die Bedeutung des Raumes wird aufgewertet und verstärkt. Räume haben eine besondere Wirkung auf Menschen, gehen in Beziehung mit ihnen und beeinflussen ihr Verhalten. Versteh mich aber bitte nicht falsch. Räume sind nicht wichtiger als die Menschen, die in ihnen agieren, also als die erwachsenen Lernbegleiter und auch nicht wichtiger als andere Kinder. Aber Räume sind eben auch da, wenn Lehrer oder Erzieher oder andere Lernbegleiter mal nicht da sind. Jedoch kann das enorme Potenzial eines Raumes sich nur dann voll entfalten und von den Kindern ausgeschöpft werden, wenn die Lernbegleiter es wollen, zulassen und unterstützen.

In diesem Sinne hier noch ein paar Praxistipps für dich zum direkten Umsetzen und Reflektieren:

  • Erspüre die Wirkung von Räumen. Welche Bedeutung haben Räume für dich?
  • Schau dir deinen Gruppen- oder Klassenraum (oder Räume deiner Einrichtung) an. Welche Haltung und welches Bildungsverständnis spiegeln sich wider?
  • Schau dich genau um und spüre ungenutzte räumliche Ressourcen auf.
  • Wurden die Räume deiner Einrichtung hinsichtlich der Lernthemen der Kinder und gemeinsam mit ihnen gestaltet?
  • Wie erreichst du eine angemessene Balance zwischen Anregungsreichtum und Reizüberflutung (Weniger ist mehr!)?

Ja dann bin ich wieder gespannt, was du aus meinen Impulsen machst. Ich wünsche dir eine gute Zeit und freu mich, wenn du beim nächsten Beitrag wieder dabei bist. Dann geht es um den Zusammenhang von Raum und Sinneserfahrungen. Ihr dürft gespannt sein.

Eure Mandy Fuchs

Kinder sind Adler, keine Suppenhühner

Ich kann mir vorstellen, dass der Titel dieses Blogposts etwas ganz bestimmtes in dir auslöst: Als Mama hast du vielleicht ein Gefühl des Unbehagens („Warum sollte mein Kind denn ein Suppenhuhn sein?“) oder aber du findest diese Metapher gerade für dein Kind total passend („Ja genau, mein Kind soll wie ein Adler die Welt erobern!“). Wenn du als Pädagogin oder Pädagoge tätig bist, löst diese Überschrift vielleicht Neugier in dir aus und du bist gespannt welches Kindbild sich dahinter verbirgt. Ich habe dieses Zitat „Kinder sind Adler, keine Suppenhühner“ von Gerald Hüther in seinem Buch „Jedes Kind ist hochbegabt“ entdeckt und verwende es seither sehr gern, um meine Sicht auf Kinder zu beschreiben. Lass dich also in diesem Blogbeitrag inspirieren, egal ob du ihn als Mutter oder Vater oder als pädagogische Fachkraft oder als Lehrerin oder Lehrer liest. Und gern kannst du mir Fragen im Kommentar zu diesem Thema schicken, denn ich werde es immer wieder aufgreifen.

                                     

Stell dir einen sonnigen Nachmittag vor, Tom wird aus der Krippe abgeholt und er hatte einen tollen Tag, mit vielen Spielen und einer Unmenge neuen Sachen, die er entdeckt hat. Strahlend läuft er seiner Mama in die Arme und freut sich auf den Nachmittag mit ihr. An der Tür fragt Toms Mama die Erzieherin, was ihr Sohn denn heute gemacht hat. Die Erzieherin meint: „Wir haben Bausteine nach Farben sortiert aber Tom hat leider immer noch die roten Steine in die falschen Kisten gelegt. Das sollten Sie vielleicht in der nächsten Zeit noch mit ihm üben.“ Welche Auswirkungen mag diese Situation wohl auf den weiteren Nachmittag haben?

Oder schau mal hier: Der fünfjährige Paul spielt gerade im Garten. Da kommt seine neue Nachbarin mit ihrem Hund am Zaun vorbei. Aufgeregt läuft er ans Tor und ruft freudig: „Wie heißt dein Hund? Und wie heißt du denn? Wie alt bist du? Und dein Hund? Wohnt ihr jetzt auch hier? Was ist das für einer?“ Plötzlich taucht seine Mutter verlegen hinter ihm auf und meint energisch: „Paul lass die Frau in Ruhe, das macht man nicht!“ Siehst du auch den Paul, wie er ganz verstört ins Haus trottet?

Und noch ein Beispiel: Jule kommt aus der Kita und wendet sich besorgt an ihren Papa: „Papa, die Erde ist doch eine Kugel und ich hab Angst, dass wir da mal runter fallen!“ Der Papa wirkt ein wenig überrascht, dann antwortet er ganz lieb: „Aber Julchen, mach dir keine Sorgen, das musst du doch noch nicht wissen. Dafür bist du noch zu klein. Warte bis du zur Schule kommst.“ Kannst du mitfühlen, wie Jule den Kopf ganz traurig hängen lässt?

Na, hast du solche oder ähnliche Situationen selbst schon erlebt? Und mal ganz ehrlich: Wie oft hast DU derartige Sätze zu deinem Kind (oder zu den Kindern deiner Gruppe oder Klasse) gesagt: „Das macht man nicht! Dafür bist du noch zu klein. Das lernst du, wenn du in die Schule kommst. Hier müssen wir aber nochmal üben. Das macht man aber so! …“

Hast du eigentlich schon mal wirklich darüber nachgedacht mit welchen wunderbaren Eigenschaften unsere Kinder geboren werden? Nein? Na dann lies doch einmal ganz aufmerksam das Gedicht von Loris Malaguzzi:

Die hundert Sprachen des Kindes

Die Hundert gibt es doch

Das Kind besteht aus Hundert.
Hat hundert Sprachen
hundert Hände
hundert Gedanken
hundert Weisen
zu denken, zu spielen und zu sprechen

Hundert –
immer hundert Arten
zu hören, zu staunen und zu lieben.
Hundert heitere Arten
zu singen, zu begreifen
hundert Welten zu entdecken
hundert Welten frei zu erfinden
hundert Welten zu träumen.

Das Kind hat hundert Sprachen
und hundert und hundert und hundert.
Neunundneunzig davon aber
werden ihm gestohlen
weil Schule und Kultur
ihm den Kopf vom Körper trennen.

Sie sagen ihm:
Ohne Hände zu denken
ohne Kopf zu schaffen
zuzuhören und nicht zu sprechen.
Ohne Heiterkeit zu verstehen,
zu lieben und zu staunen
nur an Ostern und Weihnachten.

Sie sagen ihm:
Die Welt zu entdecken
die schon entdeckt ist.
Neunundneunzig von hundert
werden ihm gestohlen.

Sie sagen ihm:
Spiel und Arbeit
Wirklichkeit und Phantasie
Wissenschaft und Imagination
Himmel und Erde
Vernunft und Traum
seien Sachen, die nicht zusammen passen.
Sie sagen ihm kurz und bündig,
dass es keine Hundert gäbe.
Das Kind aber sagt:
Und ob es die Hundert gibt.

Loris Malaguzzi

Und ich schlage dir gleich eine kleine Übung vor:

  • Beobachte dein Kind (oder ein Kind deiner Gruppe oder Schulklasse) doch einfach mal für 10 bis 20 Minuten bei dem was es tut. Was siehst du?
  • Was macht das Kind? Wie macht es das? Was denkt es sich vielleicht dabei? Wie fühlt es sich wohl dabei? Warum tut es das gerade jetzt und gerade so?
  • Beobachte genau! Und bitte greif nicht ein, wenn du es besser wüsstest oder wenn es etwas ist, was du eigentlich nicht toll findest.

Sei ganz ehrlich, was fällt dir beim Beobachten von Kindern immer zuerst auf?

Oft sind es vor allem Begebenheiten, in denen wir nicht so ganz mit dem Verhalten mitgehen können, was die Kids zeigen, weil es uns peinlich ist, wie bei Paul. Oder es sind meist die Dinge, die Kinder noch nicht so richtig bewältigen, bei denen sie noch, wie Tom, Hilfe benötigen. Stimmt’s? Situationen, in denen wir Erwachsenen ihnen zeigen wollen, wie es richtig oder besser geht. Oder wir meinen dafür wären sie noch zu klein, wie die Jule. Das würden sie unserer Meinung nach noch nicht können oder verstehen. Schlimmstenfalls nehmen wir ihnen das gerade aufgetauchte Problem sogar ab und tun es selbst. Oh ja und wir merken es nicht einmal! Na ertappt?

Ein solcher Blick auf das Kind wird in der pädagogischen Fachliteratur häufig als defizitäres oder sich an den Schwächen des Kindes orientiertes Kindbild beschrieben. Es beruht auf einer Sichtweise, die meint, dass Kinder in einem bestimmten Alter etwas ganz Bestimmtes können müssten. Man schaut dann, was von dem kann das Kind noch nicht. In diesem Fall hieße die Lösung: Wir Erwachsenen bringen dem Kind dann genau das bei oder vermitteln (was für ein gruseliges Wort) ihm, wie es richtig geht und dann üben wir es ein. Bis es hoffentlich klappt. Bis das Kind es allein und vor allem fehlerfrei genau nach dem Vorbild der Erwachsenen kann. Meist soll das Kind dann auch an Förder-, Kurs- oder Trainingsprogrammen teilnehmen.

Ja aber mal ehrlich: Ist es für dich als Mama oder Papa nicht beruhigend zu wissen, wann genau ein Kind was können muss oder lernen sollte? Das macht Kinder doch so gut vergleichbar! Und du bist schon ein bisschen stolz, wenn dein Liebling früher aufs Töpfchen geht als der Sohnemann deiner Kollegin oder wenn dein Kind bereits erste Buchstaben kennt, obwohl es noch nicht zur Schule geht, stimmt’s? Na ich merke schon, du hast meine leichte Ironie durchschaut.

Mit einem solchen Kindbild verbunden sind in der Regel auch Glaubenssätze aus der eigenen Biografie, im Sinne von „Das macht man so!“. Geprägt von unseren Erfahrungen und gelebten Traditionen aus der persönlichen Kindheit übertragen wir diese unbewusst auf unsere Kindererziehung. Ganz egal, ob wir Eltern oder Pädagogen sind! Wie entscheidend eine Reflexion dessen sein kann, werden wir in einem späteren Blogbeitrag genauer betrachten. Sei gespannt!

Malaguzzi und viele andere Pädagogen, zu denen ich mich auch zähle, Erziehungswissenschaftler, Hirnforscher und Psychologen wenden sich gegen ein solches Bild vom Kind, das Defizite festschreibt, um sie dann mithilfe gezielter Förderung auszugleichen. Wir pressen Kinder auch nicht in vorgegebene Entwicklungsraster. Und wir „deckeln“ sie auch nicht! Du fragst dich jetzt sicher, welchen Blick auf Kinder es noch gibt. Genau die richtige Frage! Lass uns einmal gemeinsam drauf schauen!

Kinder sind mit genau dem Gehirn ausgestattet, welches sie brauchen, um unsere Welt zu entdecken und um all das zu lernen, worauf es im Leben ankommt. Kinder sind von Geburt an aktive und kreative Gestalter ihrer Entwicklung und ihrer Beziehungen zur Umwelt. In seinem Gedicht nutzt Malaguzzi „die hundert Sprachen des Kindes“ als Metapher für die vielfältigen Aneignungs- und Ausdrucksmöglichkeiten des Kindes. Sie nutzen ihre Hände, ihren gesamten Körper, verschiedene Gegenstände, Werkzeuge, Materialien, Symbole oder auch Musik, um zu kommunizieren, sich auszudrücken und um sich die Welt mit allen Sinnen anzueignen.

Lass uns an dieser Stelle also schon einmal festhalten: Kinder sind vielfältige Forscher und Weltentdecker und sie haben folglich auch ein Recht darauf, ihre schöpferischen Ideen umzusetzen und eigene Erkenntnisse zu sammeln.

Wichtig ist hierbei also vor allem eins, was du für dein Kind (bzw. die Kinder deiner Gruppe oder Schulklasse) bereit halten solltest, nämlich eine entsprechende Umgebung, in der es wie ein kleiner Adler aufwachsen kann. Diese ist erfüllt von Liebe, Zuneigung, Offenheit, Vertrauen, Zuversicht, Achtsamkeit und genügend Freiraum. Kinder spüren genau, wenn sie so angenommen werden wie sie sind und auch genauso sein dürfen. Bitte verstehe dies nicht falsch. Ich meine hier nicht, dass Kinder alles allein entscheiden sollen oder dürfen. Damit wären sie überfordert. Auch geht es nicht darum, dass sie immer alles das tun können, was sie möchten oder durch Konsum und materielle Verwöhnung ein verzerrtes Bild vom Leben erfahren. Nein, gemeint ist, dass du stets neugierig schaust, wie Kinder Probleme lösen, dass du wertschätzend und auf Augenhöhe gemeinsam mit ihnen die Welt immer wieder (neu) entdeckst, dich auf ihre (auch scheinbar verrückten) Ideen einlässt und so auch von ihnen lernen kannst.

Hüther erzählt in diesem Zusammenhang gern über die Studie mit den südamerikanischen Hauseseln: Hirnforscher führten vor vielen Jahren eine Untersuchung durch. Sie verglichen die Größe der Gehirne von Hauseseln. Eine Gruppe der Esel wuchs im Stall beim Bauern auf. Die andere Gruppe hatte ein Loch im Zaun gefunden, schloss sich einer frei lebenden verwilderten Hauseselherde an und wuchs unter diesen Bedingungen auf. Kannst du dir denken, welche Esel am Ende über ein hoch vernetztes, komplexes Eselsgehirn verfügten? Es waren nicht die Esel, die beim Bauern im Stall aufgewachsen sind! Noch Fragen? Was lehrt dich das?

Die Mama von Tom sollte sich also von der Information der Erzieherin (Wie hättest du eigentlich als Erzieherin von Tom reagiert?) nicht aus der Ruhe bringen lassen. Vielleicht hatte Tom eine ganz kreative Idee, die roten Bausteine jeweils in die anderen Kisten einzuordnen. Das könnten z.B. die Feuerwehren sein, die in den anderen Kisten aufpassen sollten, dass es nicht brennt. Wer weiß!  – Aber: Die Chance auf einen schönen gemeinsamen Nachmittag wäre durch ein stumpfes „Farbenüben“ vertan. Vielmehr hätten sowohl Tom als auch seine Mama schlechte Laune bekommen, was wiederum dazu beitragen würde, die Bindung zwischen den beiden zu verschlechtern, eventuell bis hin zu einen Vertrauensbruch. Bei Paul war es ähnlich: Er hat in seiner fröhlich aufgeschlossenen Art ganz unkompliziert Kontakt zur neuen Nachbarin aufgenommen. Ein Verhalten, das unbedingt hätte bestärkt werden sollen, denn von einer solchen enormen sozialen Kompetenz hätte sogar die Mutter profitieren können, indem sie die Nachbarin auf einen Kaffee hätte einladen können. Der erste Schritt war durch Paul doch getan. So aber hat sie ihren Sohn enorm verunsichert. Und Jule ist absolut nicht zu jung für das aufgeworfene Problem mit unserer Erdkugel. Wenn sie ein solches Thema interessiert, darf sie nicht auf später vertröstet werden, denn vermutlich wird dies in der Schule erst nach vielen Jahren thematisiert werden. Bis dahin hat sie das Interesse daran sicher verloren. Ein solches (Zeit-)Verschieben von scheinbar nicht altersgerechten Themen führt in der Regel dazu, dass Kinder uns Erwachsene immer seltener in ihre Gedankenwelt einbeziehen. Denn immer nur zu erfahren, dass sie dafür noch zu klein wären, vertieft nicht die Lust am Erforschen von Phänomenen der Welt. Eine geschickte Möglichkeit von Erwachsenen ist in solchen Situationen folgendes Vorgehen: 1. Die Frage des Kindes würdigen, z.B. „Mh, das ist eine gute Frage!“, 2. Eine eigene Vermutung aufstellen, z.B. „Ich denke das hat mit der Erdanziehungskraft zu tun.“, 3. Die Frage zurück geben, z.B. „Und was denkst du?“. 4. Dem Problem gemeinsam auf die Spur gehen. Dies zeigt, dass der Erwachsene das Kind ernst nimmt und wertschätzt, ihm auf Augenhöhe begegnet und mit Neugier in eine spannende Interaktion geht. Oft ist es so, wenn Kinder derartige Fragen stellen, haben sie sich selbst bereits Gedanken darüber gemacht und wollen unsere Meinung bzw. Bestätigung erfahren.

Mein Fazit für heute: Kinder benötigen Freiräume, um sich zu entfalten und um auf Entdeckungsreisen gehen zu können. Sie wollen ihre „Schwingen ausbreiten“ und auf ihre Art und Weise die Welt erobern. Dazu brauchen sie eine Umwelt, die genau das für sie bereit hält. Und hierzu gehören vor allem starke Eltern und gute Kitas und Schulen, denn

Kinder wollen artig sein:

GROSS-artig,

ANDERS-artig,

EINZIG -artig!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Zauber des Anfangs

Worum soll es eigentlich gehen? Ich möchte verschiedene Themen aufgreifen, aber immer wird es letztendlich um unsere Kinder und deren Potenzialentfaltung gehen. Kinder benötigen Freiräume, um sich zu entfalten und um auf Entdeckungsreisen gehen zu können. Sie wollen ihre „Schwingen ausbreiten“ und auf ihre Art und Weise die Welt erobern. Dazu brauchen sie eine Umwelt, die genau das für sie bereit hält. Und hierzu gehören vor allem starke Eltern und gute Kitas und Schulen. Also geht es innerhalb meines Blogs um unsere Rolle als Erwachsene, die wir Kinder begleiten, egal ob als Eltern, Erzieherinnen, Lehrerinnen oder Großeltern (Schon gleich an dieser Stelle der wichtige Hinweis: Bitte verstehe es nicht falsch, wenn ich der Lesbarkeit halber entweder nur die weibliche oder die männliche Form verwende. Ich meine natürlich immer beide Geschlechter.).

Die einzelnen Blogbeiträge sollen anregen, wie wir Erwachsenen trotz diverser Unsicherheiten und vermeintlich widersprüchlicher Möglichkeiten durch die Vielfalt der heutigen Gesellschaft und trotz des leider nicht immer gut funktionierenden Bildungssystems mit einer „professionellen Gelassenheit“ für unsere Kinder da sein können und ihnen durch Wertschätzung, Vertrauen und Liebe aber vor allem durch eigene Klarheit und Achtsamkeit all das geben, damit sie wie kleine glückliche Adler die Welt entdecken und ihre Potenziale zum Strahlen bringen können.

Die Auffassungen, wie Bildung und Erziehung heute sein sollte, könnten gegensätzlicher kaum sein. Die momentanen Spannungsfelder innerhalb der aktuellen Bildungsdebatte sind sogar besorgniserregend: Einerseits gibt es wegweisende Erkenntnisse der Hirnforschung, der Entwicklungspsychologie und der Pädagogik darüber, wie Lernen und Bildung aus der Sicht von Vielfalt und Verschiedenheit heute gestaltet werden sollten, so dass jedes Kind seine angeborenen Begabungen entfalten kann. Andererseits jedoch fällt es schwer bzw. gelingt es nur selten, das theoretische Wissen im (Bildungs)Alltag umzusetzen. Noch immer beherrschen Unsicherheiten, Unverständnis, Angst, Scham, Macht und Druck sowie eingeengtes Denken viele Lern- und Lebensorte. Die Gründe hierfür sind komplex: sie umfassen lang gelebte Traditionen, gesamtgesellschaftliche Wandlungsprozesse, finanzielle Ressourcenknappheit, widersinnige bildungspolitische Gesetzesvorgaben, Missverständnisse bezüglich der umzusetzenden Bildungskonzepte und vor allem auch die eigenen biografischen Erfahrungen von Erwachsenen, aus denen sich Einstellungen und Haltungen manifestieren. Diese Dilemmata werden innerhalb der Blogbeiträge immer wieder aufgezeigt. Ich möchte alle Menschen, die diese Beiträge lesen stärken und bestärken, vielleicht auch wachrütteln, immer aber begeistern und aktivieren. Ich möchte dir ganz persönlich Mut machen und dich anregen zu hinterfragen, eigene Glaubenssätze zu reflektieren, Bestehendes infrage zu stellen und immer dabei auszuloten, durch welche bereits geöffneten Türen es lohnt hinauszutreten, um Neuem zu begegnen – getreu dem Grundsatz: Die Klarheit über die Vision des eigenen Lebens bringt Sicherheit und Gelassenheit in der Begleitung unserer Kinder.

Mit meinem Blog verfolge ich also drei Ideen:

  1. Es gibt Beiträge zur Inspiration für alle, die mit Kindern leben, lernen und sie auf ihrem Weg durchs Leben begleiten und dafür sorgen dürfen, dass sie ihre Potenziale bestmöglich entfalten können.
  2. Ich werde vielfältige praktische Beispiele zur Umsetzung einer neuen Lernkultur in Kitas und Grundschulen vorstellen. Meiner eigenen mathematischen Leidenschaft und meiner persönlichen Berufung folgend, werden es viele Beispiele aus dem (nicht bei allen geliebten) Bereich der Mathematik sein. Lass dich überraschen! Lass dich drauf ein, auch wenn oder gerade weil du mit Mathematik eher keine positiven Gefühle verbindest!
  3. Und es wird vielfältige praktische Beispiele für Eltern zur mathematischen Potenzialentfaltung (nicht nur ihrer Kinder) im Familienalltag und im Spiel geben.

Viel Freude beim Lesen,

Mandy Fuchs