Matheasse

„Es wird Zeit, die vielen unterschiedlichen Begabungen wiederzuentdecken, die jedes Kind mit auf die Welt bringt und die allzu oft schon im Kleinkindalter, spätestens aber in der Schule verkümmern, bevor sie je zur Entfaltung kommen konnten.“ (Hüther & Hauser 2012, S. 185/186)

Aktueller Tipp: Neuer Fachartikel zum Thema Hochbegabung erkennen und fördern am Beispiel „Kleine Matheasse in der Kita“! Bitte hier klicken.

Wenn ich davon ausgehe, dass alle Kinder Matheforscher sind, stellt sich die Frage: Was sind denn dann kleine Matheasse und wie unterscheiden sie sich von den Matheforschern?  Gute Frage! Aber zunächst ein paar wichtige Vorbemerkungen:

Im Kontext gerade der frühkindlichen Bildung und Erziehung besteht einerseits kein Zweifel daran, dass jedes Kind in seiner Einzigartigkeit möglichst früh erkannt und gefördert werden sollte, dennoch erscheint es andererseits durchaus ungewöhnlich bereits im Vorschulalter den Bereich der mathematischen Hochbegabung zu thematisieren. Denn die Spezifik frühkindlicher Entwicklungsprozesse ist geprägt durch präoperationales Denken, durch noch eingeschränkte sprachliche Kompetenzen, eine hohe Abhängigkeit von Umgebungsbedingungen sowie durch die sich in Entwicklung befindlichen Selbststeuerungs- und Regulations-mechanismen. Dadurch erhält eine auf spezielle mathematische Interessen und Begabungen ausgerichtete Förderung schnell den Anschein einer einseitigen Intelligenz- oder gar Eliteförderung und dies könnte in einen Widerspruch zum von mir vertretenen Ansatz einer inklusiven Pädagogik geraten. Wenn Hochbegabung jedoch als Potenzial für überdurchschnittliche Fähigkeiten verstanden wird, ist erkennbar, dass hierbei hauptsächlich die Ressourcen eines Kindes im Fokus stehen.

Mathematische Hochbegabung ist ein sich dynamisch entwickelndes und individuell geprägtes Potenzial für eine zu einem späteren Zeitpunkt mögliche weit überdurchschnittliche mathematische Leistungsfähigkeit (Performanz). Dieses Potenzial ist z.T. angeboren und weist bzgl. der als wesentlich erachteten mathematikspezifischen Begabungsmerkmale ein weit über dem Durchschnitt liegendes Niveau auf. Es entwickelt sich in wechselseitigen Zusammenhängen mit begabungsstützenden bereichsspezifischen Persönlichkeitseigenschaften und günstigen intrapersonalen sowie interpersonalen Katalysatoren.

Deshalb verstehe ich unter kleinen „Matheassen“ mathematisch potenziell hochbegabte Kinder. Es sind Kinder, deren besondere Hochbegabung als Potenzial für überdurchschnittliche mathematische Fähigkeiten, die mit großer Wahrscheinlichkeit zu einem späteren Zeitpunkt erreichbar sind, verstanden wird.

Viele Fallbeispiele (vgl. „Alle Kinder sind Matheforscher“ Kapitel 1 und 6) zeigen in beeindruckender Weise, dass es bereits im Kindergarten- und Grundschulalter kleine Matheasse gibt. Sie sind fasziniert von Zahlen, Formen und Mustern sowie vom Zählen, Rechnen, Knobeln, Experimentieren und Problemlösen. Aber das mathematisch hochbegabte Kind gibt es nicht. Jedes dieser Kinder ist individuell so unterschiedlich, wie alle anderen Kinder auch.

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Es kann eine enorme Herausforderung für pädagogische Fachkräfte und natürlich auch für Eltern bedeuten, die besonderen Kompetenzen, Bedürfnisse und Themen der Matheasse im normalen Kita-, Grundschul- und Familienalltag wahrzunehmen, aufzugreifen, wertzuschätzen und angemessen zu fördern. Die im Moment größte Gefahr besteht meines Erachtens jedoch im Nichterkennen der Kinder, da sie bereits früh lernen sich dem Umfeld und den Erwartungen Erwachsener anzupassen und ihre Begabung zu verheimlichen. Oft sind aber Erstindikatoren für das Vorhandensein einer allgemeinen Hochbegabung erkennbar, die in der Regel durch mathematikspezifische Begabungsmerkmale ergänzt werden.

In den nun nach und nach folgenden Blogbeiträgen werden unter anderem auch Möglichkeiten für das Erkennen und für das Fördern und Begleiten kleiner Matheasse innerhalb des Familien-, Kita- und Grundschulalltags vorgestellt, getreu meiner Bildungsphilosophie einer inklusiven Begabungsförderung und Potenzialentfaltung.

„Eine Begabung oder ein Talent ist zunächst nur eine Möglichkeit, später eine besondere Fähigkeit zu erwerben und bestimmte Leistungen zu erbringen, die sich deutlich von dem unterscheiden, was andere auf einem Gebiet sich anzueignen und zu leisten imstande sind.“ (Hüther & Hauser 2012, S.14/15).

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