Bildungsphilosophie

„Jedes Kind zeichnet sich durch eine eigene Persönlichkeit aus. Es beschreitet individuelle Wege, um ein Verständnis für seine Umwelt aufzubauen und Dingen eine Bedeutung, einen Sinn zu verleihen. Die pädagogisch Handelnden werden dem durch die Individualisierung von Bildungsprozessen bei der gemeinsamen Gestaltung der Interaktion gerecht.“          (Fthenakis u.a. 2009, S. 30)

Ausgangspunkt einer neuen Bildungsphilosophie, die aktuell in der Elementar- und Primarpädagogik diskutiert wird, ist die Vorstellung, dass jedes Kind seine Welt selbst in sozialer Interaktion mit anderen konstruiert. Jedes Kind ist also aktiver Konstrukteur seines Wissens. Lerngegenstände können demnach nicht einfach vermittelt und erklärt werden, denn ein auf solche Weise erworbenes Wissen wäre ein „Wissen aus zweiter Hand“. Der Lernende eignet sich Lerngegenstände aktiv handelnd auf der Grundlage vorhandener individueller Handlungs- und Denkstrukturen sowie bisheriger Erfahrungen an. Sowohl das entdeckende Lernen als auch eine angemessene Lernbegleitung spielen hierbei eine entscheidende Rolle. Diese ko-konstruktivistische Sichtweise betont neben der Eigenständigkeit des Kindes ebenso seine Neugier und seinen Forscherdrang von Natur aus. Genau diesem Bild vom Kind folgend, ist auch der Titel meines Buches zu verstehen: „Alle Kinder sind Matheforscher“. Jedes Kind möchte lernen und seine Umwelt erforschen, um seinem Bedürfnis nach Erleben von Kompetenz und Wirksamkeit, nach Autonomie und Selbstbestimmung nachzugehen. Das Lernen liegt demnach in der Verantwortung des Kindes, welches sich als kompetenter Akteur von Geburt an autonom mit seiner Umwelt auseinandersetzt. Dementsprechend ist auch der Bildungsauftrag von Kindertageseinrichtungen und Grundschulen formuliert. Es geht vor allem darum, die Interessen und Themen der Kinder aufzugreifen und sie bei der „Eroberung“ der Welt angemessen zu unterstützen und zu begleiten. Den pädagogischen Fachkräften sowohl in Kitas als auch in Grundschulen wird hierbei ein verändertes Rollenverständnis zugemutet: vom Wissensvermittler zum Lernbegleiter.

Konstruktivistische Ansätze verstehen Lernen einerseits also als Prozess der Selbstorganisation des Wissens, welches sich auf der Basis von Wirklichkeits- und Sinnkonstruktion vollzieht. Andererseits werden insbesondere die Stärken und individuellen Gaben des Menschen gesehen. Lernen ist demzufolge immer individuell und von Mensch zu Mensch verschieden. Um an diese Stärken und Begabungen aller Kinder individuell anzuknüpfen, bedarf es also in Kitas und Grundschulen einer neuen Lernkultur, die nicht mehr von der traditionellen Angebotspädagogik bzw. vom Frontalunterricht und von der gerade im letzten Kindergartenjahr oftmals vorherrschenden „Verschulung“ innerhalb von vielerorts gebildeten Vorschulgruppen geprägt sein kann.

„Wenn man das Bild von einem kompetenten Kind vertritt und die Individualität des Kindes und seiner Bildungsprozesse anerkennt, macht es keinen Sinn, Kinder mit geringerem Lernstand für defizitorientierte mathematische „Förderpro-gramme“ auszuwählen; wenn man anerkennt, dass junge Kinder erfahrungsbasiert, im Spiel und mit allen Sinnen lernen, sind „Papier- und Blei-stiftaufgaben“ auf Arbeitsblättern und ähnliches unangemessen.“ (Fthenakis u.a. 2009, S. 44).

Kinder lernen demzufolge auf vielfältige Art und Weise: durch Bewegung, durch Tun, durch Nachdenken, durch Ausprobieren, durch Wiederholen, durch Überprüfen von Hypothesen, durch Auseinandersetzungen mit anderen, durch Perspektivenwechsel, durch Umdenken, durch Sortieren, durch Fragen, durch den Versuch, selbst Antworten zu finden, durch Üben, durch Erfahrung, durch Sammeln von Informationen und manchmal auch durch Zufall. Sie lernen überall, immerzu und von Anfang an! Und am Ende führen all diese subjektiven Lernprozesse zu einer Art individuellen Konstruktion: BILDung. Das heißt nicht, dass Kinder die reale Welt in ihrem Inneren abbilden, sondern vielmehr, dass sie ein neues, individuelles Bild von ihr in sich entwerfen. Dieses Weltbild, diese Konstruktion entsteht mit dem Blick durch die eigene Brille der gesammelten Erfahrungen und bisherigen Erlebnisse. Lernen ist stets ein eigenaktiver Vorgang und nicht berechenbar. Und Bildung steht in einem engen Zusammenhang mit der Kompetenz Gelerntes infrage zu stellen, Informationen zu hinterfragen, sich selbst sowohl zu reflektieren als auch immer wieder neu zu positionieren.

Als Hauptmerkmale des ursprünglichen Lernens gelten hierbei:

  • Der Antrieb zur Nachahmung: Kinder beobachten und machen nach, sie brauchen also Vorbilder an denen sie sich orientieren können (Rolle von Eltern und von pädagogischen Fachkräften).
  • Der unaufschiebbare Drang zur Selbständigkeit: Kinder fühlen sich unwohl und missverstanden, wenn ihnen alles abgenommen wird. Sie dürfen nicht zu unmotivierten Konsumenten erzogen werden.
  • Die Zurückweisung von Belehrungen: Kinder wollen Selbsterfahrungen sammeln und Selbstwirksamkeit erleben, sie brauchen deshalb Aufgaben, an denen sie wachsen können.
  • Körpererfahrungen: Kinder wollen mit allen Sinnen lernen, die Welt „begreifen“ und ihren Bewegungsdrang ausleben.
  • Die soziale Dimension von Lernen und Bildung: Niemand kann in Isolation lernen, Kinder brauchen Bindungspersonen und Gemeinschaften, in denen sie sich wohl und aufgehoben fühlen, denn ohne Bindung kann keine Bildung stattfinden.

Deshalb verstehe ich Begabungsförderung als Möglichkeit zur Potenzialentfaltung eines jeden Kindes und dies schließt die Förderung natürlicher Interessen aller Kinder und die Förderung besonderer Begabungen von Kindern (z.B. von kleinen Matheassen) ein. Begabungsförderung hat also das Ziel, die Entwicklung der Potenziale aller Kinder bestmöglich zu unterstützen und stellt die Entwicklung der individuellen Persönlichkeit sowie die Förderung persönlicher Lebensziele in den Mittelpunkt. Sie schließt zudem die Achtung der individuellen Bedürfnisse nach Glück ein.

„Potentialentfaltung erweckt das Wesen des Menschen zum Leben und lässt ihn zum Ausdruck bringen wer er ist.“ (Verfasser unbekannt)

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