Werkstätten und Ateliers – kindorientierte Lernorte

Heute möchte ich euch zwei ganz besondere Lernorte vorstellen. Lernorte, die durch eine vorbereitete Umgebung gekennzeichnet sind, die vielfältige und wohl strukturierte Arbeitsmaterialien für das praktische und eigenaktive Lernen bereit halten, so dass Kinder diese frei wählen können. Lernorte also, die den Kindern Lernen durch eigene Erfahrungen ermöglichen. Gemeint sind Werkstätten (z.B. Lern-, Bau-, Natur-, Schreib-, Mathematik-, Theaterwerkstatt u.a.) sowie Ateliers. Sowohl in der Elementar- als auch Primarpädagogik haben sie längst Einzug gehalten.

„Im allgemeinen Sprachgebrauch wird der Begriff Werkstatt für Handwerksbetriebe benutzt, in denen mit vorhandenen Werkzeugen Reparaturen durchgeführt werden oder handwerkliche oder kunsthandwerkliche Güter produziert werden. Im Kunsthandwerk wird von einer Manufaktur gesprochen, im künstlerischen Bereich wird der Begriff des Ateliers angewandt. In Kulturbetrieben entstanden schon früh Kultur- und Theaterwerkstätten.“ (vgl. Tielemann 2015, S. 8)

Neben den bereits oben genannten Merkmalen von Räumen dieser Art, sind Werkstätten und Ateliers durch folgende Eigenschaften gekennzeichnet:

  • mehrere Personen machen zur gleichen Zeit unterschiedliche Dinge (z.B. stellen Sachen her, bearbeiten einen Werkstoff, reparieren Dinge, …),
  • Werkzeuge sind von guter Qualität und haben feste Aufbewahrungsorte,
  • der Umgang mit den Materialien oder Werkzeugen muss oft erst erlernt werden,
  • der eigenen Kreativität kann Ausdruck verliehen werden.

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Diese Charakteristik auf pädagogische Werkstätten und Ateliers übertragen heißt, auf der Grundlage eines modernen Kindbildes, welches Kinder als aktive Konstrukteure ihrer Welt wahrnimmt, Werkstätten so zu gestalten, dass pädagogische Fachkräfte (also ErzieherInnen und LehrerInnen) Kinder dorthin einladen, ihnen hier mit Respekt, Wertschätzung und Neugier begegnen und die momentane Situation des Kindes mit seinen Bedürfnissen wahrnehmen und darauf reagieren. Das heißt, damit Kinder in Werkstätten und Ateliers frei entdecken, forschen, gestalten und experimentieren können, müssen Lernbegleiter die Kinder in ihrem Tun beobachten, deren Gefühle wahrnehmen, ihren Spuren folgen und ein wirkliches Interesse für ihr Eigenleben zeigen (vgl. ebenda, S. 25).

„Pädagogen betreten pädagogisches Neuland, wenn sie in einer Werkstatt arbeiten. Sie organisieren nicht mehr den Tagesablauf mit Angeboten und Stuhlkreisen, in denen sie den Kindern etwas beibringen. Die Pädagogen werden zu Mentoren, Entwicklungsbegleitern, Lernpartnern und Dienern der Kinder. Sie erleben und unterstützen die Kinder in ihrer Eigenaktivität und Kreativität.“ (ebenda)

Werkstätten und Ateliers können in jeder Kita und in jeder Grundschule entstehen, denn sie müssen keine besonderen Anforderungen an den Raum an sich erfüllen, sondern werden über die Raumgestaltung und das vorhandene Material definiert.

Ich gehe (wie viele andere Didaktiker oder Erziehungswissenschaftler) davon aus, dass es die eine Definition von (Lern)Werkstatt nicht geben kann, aber grundsätzlich gilt, dass (Lern)Werkstätten Orte sind, an denen das Lernen gelernt und die Welt erobert werden kann. Kleine Forscher können hier ihre eigenen Forscherfragen entwickeln und an deren Beantwortung selbstbestimmt und ungestört arbeiten, mit „Kopf, Herz und Hand“ lernen und stets eigene Lernwege gehen.

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Vor dem Einrichten einer Werkstatt sollten folgende Fragen gestellt und gemeinsam im Lehrer- bzw. Erzieherteam beantwortet werden (Tielemann 2015, S. 12):

  • Wie können wir ein Ordnungssystem erarbeiten, das für die Kinder leicht verständlich ist?
  • Wie schaffen wir eine geordnete, entspannte und freie Atmosphäre, damit sich alle Kinder entfalten können?
  • Sind die Materialien so ausgewählt und präsentiert, dass jeder kleine Weltentdecker sein individuelles Erfolgserlebnis haben kann?
  • Wie viele Kinder können gleichzeitig in einem Werkstattraum zur selben Zeit verschiedene Dinge tun?
  • Bietet die Werkstatt eine Vielfältigkeit an Material an?
  • Gibt es wenige klare Absprachen, die einheitlich für alle Werkstätten der Kita oder Grundschule gelten?
  • Hat die Lernbegleiterin ihren Platz in der Werkstatt?

Das Einrichten einer oder mehrerer Werkstätten oder Ateliers kann nur dann funktionieren, wenn diese in das Gesamtkonzept der Einrichtung eingebunden werden und dieses somit ergänzen und mit Leben erfüllen. Vom Konzept der Einrichtung ist also abhängig, welche Art von Werkstätten gestaltet und wie sie in den Tagesablauf integriert werden. Somit ist also möglich, dass sich eine Kita oder Grundschule z.B. für die Gestaltung einer allgemeinen Lernwerkstatt entscheidet. In dieser werden verschiedene Bereiche (Forscherecke, Ton- und Knettisch, Kreativbereich, Tüftlerecke, Matheecke, Schreibecke, …) eingerichtet. Notwendig ist dann vielleicht auch, sich über bestimmte Zeiten – wann, welche und wie viele Kinder in der Lernwerkstatt arbeiten können – auszutauschen und diese festzulegen.

In anderen Kindertageseinrichtungen oder auch Grundschulen werden hingegen mehrere oder sogar alle Räume als Werkstätten eingerichtet, so dass die Kinder diese im Rahmen der Offenen Arbeit jeden Tag selbstbestimmt aufsuchen können. Dann gibt es z.B. ein Atelier (für künstlerisch gestaltende Tätigkeiten) mit eingegliederter Schreib-Werkstatt, die Holzwerkstatt, die Bauwerkstatt, die Rollenspielwerkstatt mit Möglichkeiten zum Musizieren, die Naturwerkstatt sowie eine Zahlen- und Buchstabenwerkstatt.

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Da innerhalb dieses Blogbeitrages nicht alle Möglichkeiten von Werkstätten vorgestellt werden können, soll es an dieser Stelle exemplarisch einige Ausführungen zum Atelier geben, bevor im nächsten Beitrag das Einrichten einer Mathewerkstatt vorgestellt wird.

Entsprechend den drei klassischen Gattungen der Bildenden Kunst: Malerei, Zeichnung und Bildhauerei sollte es auch im Atelier drei Bereiche geben: den „Nassbereich“ (Malen mit Wasserfarben), den Bereich zum „Trockenmalen“ (Zeichnen mit verschiedenen Stiften) und einen Bereich zum Arbeiten mit Ton. Der Nassbereich sollte über eine nahe Wasserstelle verfügen, mit Staffeleien (auch Wandstaffelei) und einem Tisch ausgestattet sein. Als günstig hat sich erwiesen, dass Kinder, die am Tisch malen, ein Malbrett verwenden, mit welchem sie ihr fertiges Blatt dann gleich in den „Malbbretter-Turm“ zum Trocknen schieben können. Wenn Platz für einen zweiten Tisch zur Verfügung ist, kann dieser als Kleistertisch genutzt werden und phasenweise darauf mit Fingermalfarben, Kleister oder Rasierschaum experimentiert werden. (Ein besonderer Tipp für diesen Bereich ist der Malort nach Arno Stern, vgl. https://www.arnostern.com/de/malort.htm ).

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Der Bereich zum Arbeiten mit Ton ist in der Regel ein Tisch, an dem die Kinder im Stehen arbeiten. Er hat eine widerstandfähige Oberfläche, von dem der Ton leicht entfernt werden kann. Für je zwei Kinder sollten in der Regel etwa 10kg Ton zur Verfügung stehen, der nach dem Arbeiten (bei fachgerechter Aufbewahrung) über viele Tage hinweg verwendet werden kann.

Der Bereich zum Zeichnen, also das Malen mit trockenen Farben, sollte so ausgestattet sein, dass die Kinder hier neben vielen verschiedenen Stiften (Buntstifte, Wachsmalstifte, Kreide, Kohlestifte, Grafitistifte, …) auch viele verschiedene Papiersorten (Packpapier, Butterbrotpapier, Haushaltsrolle, Notizblockzettel, Pappe, Servietten, Tapetenreste, …) zur Verfügung haben. Der Zeichenbereich kann gut mit dem Bastelbereich kombiniert werden, jedoch sind hier zwei verschiedene Tische angebracht, damit die Kinder, die schneiden und kleben nicht die Kinder, die zeichnen unbewusst stören. Zum Basteln können die Kinder viele verschiedene Dinge gebrauchen, die zum Teil auch von ihnen selbst gesammelt werden (z.B. Stoff- und Wollreste, Korken, Verpackungen, Schleifenbänder, Muscheln, Steinchen, …). Hier wird schnell ersichtlich, wie wichtig es ist, sich mit einem guten Ordnungs- und Aufbewahrungssystem zu beschäftigen, welches die Materialien für die Kinder einladend bereit hält.

Einige Autoren (z.B. von der Beek) empfehlen das Atelier auch mit Tischen für das Arbeiten und Experimentieren mit Sand und/oder Bohnen (Korken, Kastanien, …) und mit einem Leuchttisch (bekannt aus der Reggio-Pädagogik) oder besser noch einem Overhead-Projektor (mit ihm können wunderschöne Bilder an der Wand projiziert werden) und ggf. auch mit einer Schreibecke (Schreibwerkstatt) auszustatten.

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Zusammenfassend kann ich also nochmal betonen, dass ein Atelier in entscheidendem Maße den Weg, also den künstlerisch-kreativen Prozess als solches betont und nicht die Mal- oder Bastelergebnisse der Kinder im Vordergrund stehen. Auf eine solche Weise ergibt sich ein Blick auf die künstlerischen Aspekte der ästhetischen Bildung von Kindern wie von selbst.

„Ein Raum, der als Atelier eingerichtet ist, erfüllt einen doppelten Zweck: Er ermöglicht es den Kindern, in vielfältiger Weise selbst tätig zu werden, und erleichtert es der Erzieherin, die Kinder selbstständig arbeiten zu lassen. Wahlmöglichkeiten dürfen nicht die Ausnahme, sondern müssen selbstverständlich sein. Das heißt, die Kinder können täglich

  • Material auswählen, mit dem sie sich beschäftigen;
  • die Art und Weise des Experimentierens wählen, in der sie vorgehen;
  • entscheiden, ob sie allein, zu zweit oder zu mehreren arbeiten;
  • innerhalb bestimmter Grenzen über die Zeitdauer bestimmen.“ (von der Beek 2010, S. 196)

Von der Beek betont an einer Stelle jedoch auch: „Allerdings wäre es zu wenig, die Kinder lediglich machen zu lassen. Nur im Wechselspiel zwischen der Experimentierlust der Kinder und den Kenntnissen der Erzieherin erweitert sich das kindliche Handlungsspektrum“ (vgl. ebenda S. 198).

Dies möchte ich an dieser Stelle aus meiner Sicht als Didaktikerin ebenfalls betonen. Professionalität von Lernbegleiter ist dadurch gekennzeichnet, dass sie durch ihr Expertenwissen in bestimmten Bereichen (Kunst, Musik, Naturwissenschaften, Mathematik, …) einerseits und durch ihre generelle pädagogische Haltung andererseits, eine angemessene Mischung praktizieren, die sowohl aus Beobachtungen sowie dem Gewähren des freien Tuns der Kinder als auch aus entsprechenden Impulsen bzw. offenen Lernanregungen für die Kinder besteht und somit von einer hohen didaktischen Handlungskompetenz zeugen.

Ich freue mich schon sehr auf den nächsten Beitrag, wenn du wieder dabei bist und dich von mir zum Einrichten einer Mathewerkstatt inspirieren lässt.

Bis dann also eine kreative Zeit,

Mandy Fuchs

PS: Hier die beiden Literaturquellen des Beitrages:

  • Tielemann, Marion (2015): Werkstatt(t)räume für Kitas. Verlag das netz
  • Von der Beek, Angelika (2010): Bildungsräume für Kinder von Drei bis Sechs. Verlag das netz

(Ich verwende die Bücher aus eigener Überzeugung und bekomme keine Provision vom Verlag.)

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